Aus der Perspektive des Glaubens

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zu Zeitgeschehen und Glaubensthemen.

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zu Römer 12,21

Szenario der (Un-)Menschlichkeit

Wenn Hass und Gewalt in eine Demonstration für Menschlichkeit und Liebe münden.

Es war vor einem Jahr eine jener Meldungen, die ich zwar als Information registrierte, bei der ich innerlich aber sehr schnell zumachte, wenn ich mir auch nur ansatzweise vorstellte, was da wirklich abgelaufen war. Wie so viele andere Menschen bin ich einfach nur geschockt gewesen und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Vielleicht war es auch passend, nichts zu sagen, vielmehr zu schweigen. Ich meine die Anschläge in Norwegen vom 22. Juli 2011, bei denen ein 32-jähriger Radikalist zuerst im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe gezündet und dann auf der Insel Utøya zig Jugendliche eigenhändig niedergeschossen hat.

Der Attentäter sieht sich selbst als Rettergestalt für Norwegen und Westeuropa, weil seiner Ansicht nach die Einwanderung von Muslimen die Sicherheit und Wohlfahrt der Einheimischen bedroht. Er wollte mit dem Massenmord ein Zeichen setzen gegen die offene Politik der Sozialdemokraten in seinem Land. Am liebsten hätte er bei der Verhörung Galauniform getragen, um sich in der Öffentlichkeit als Held feiern zu lassen; das wurde ihm untersagt. Neun Jahre lang, so heißt es, hat er sich intensiv auf diese Wahnsinnstat vorbereitet. Neun Jahre lang hat er überlegt, wie er am effektvollsten Menschen töten kann.

Ich sage ihm hiermit eindeutig: Für mich bist du nicht der Retter! Für mich bist du ein völlig irregeleiteter Mensch, der sich in zutiefst bedauerlicher Weise größte Unmenschlichkeit zu Schulden hat kommen lassen. Du berufst dich auf deinen christlichen Glauben, doch deine Früchte zeigen, dass du nicht im Namen Jesu gehandelt hast. Du hast nicht Rettung gebracht, sondern Verderben für 77 Menschen und unbeschreibliches Leid für so viele mehr. Du hast nichts Heldenhaftes getan, vielmehr hast du Schande über dein Land gebracht und die Menschlichkeit verraten.

Im Angesicht dieser Tat fühle ich mich machtlos, ratlos. Wie ist es möglich, so frage ich mich, dass ein Mensch sich so auf die Gleise des Bösen ziehen lässt, dass er all die Liebe und das Gute vergisst, das ihm in seinem Leben geschenkt wurde? Wie kommt es dazu, dass sich einer in so arroganter Weise zum Richter über andere aufspielt, dass er meint, über ihr Leben oder ihren Tod verfügen zu können? Wieso hat ihn niemand in seinen abgedrehten Gedanken korrigiert, keiner von seinem mörderischen Plan abgehalten?

Meine vorsichtige Antwort: Er muss vollständig die Orientierung dafür verloren haben, was gut ist und was böse. Er muss in eine Ideologie geschlittert sein, die ihm die Augen davor verschließt, dass auch Muslime ein Recht auf Leben haben, genau wie er. Offensichtlich hat er im Internet Sympathisanten gefunden, die ihn darin unterstützt haben zu glauben, dass letztlich jedes Mittel recht ist, wenn es darum geht, „die Gefahr“ einer multikulturellen Gesellschaft abzuwenden.

Demgegenüber sage ich: Wie froh bin ich, dass ich einen anderen, einen wirklichen, Retter kennengelernt habe, der nicht über Leichen geht, um die Welt „besser“ zu machen. Er teilt die Menschen nicht in erwünscht und unerwünscht ein, stempelt sie nicht bei anderer Religionszugehörigkeit als Gefahr und Bedrohung ab. Er stoppt seinen Jünger, als der zum Mittel der Gewalt greifen will, um ihn zu befreien, denn er weiß, dass Gewalt nicht der Weg ist zum Leben.

Ich bin froh, ein Christ zu sein, weil mein Glaube mich lehrt, jeden Menschen als Gottes Geschöpf zu sehen und mich im Wohlwollen auf den anderen zugehen lässt. Mein Glaube nimmt mir die Angst vor dem Fremden und schenkt mir die Perspektive einer wachsenden Geschwisterlichkeit unter den Völkern. Ich bin froh, Jesus Christus zu kennen, der so viele Zeichen der Menschlichkeit und der Liebe gesetzt hat, von denen man bis heute spricht. Von denen sich bis heute Millionen von Menschen inspirieren lassen, um ihrerseits Gutes zu tun.

Die Welt kann sich niemals dadurch bessern, dass ich versuche das auszumerzen und zu beseitigen, wodurch ich mich bedroht fühle oder was mir Angst macht. Damit macht man sich doch nur zum Diener der Angst und bestätigt sie in ihrer Macht. Ich mache mich lieber zum Diener der Liebe, so wie sie Jesus Christus gelebt hat. Diese Liebe überwindet die Fremdheit nicht dadurch, dass sie den anderen umbringt, sondern indem sie sich ihm wohlwollend zuwendet und zu entdecken sucht. Wenn der Fremde es in seiner Freiheit will, lässt er sich davon erreichen, Kontakt kann entstehen. Dann hat man nicht nur die Fremdheit aus dem Weg geräumt, sondern vielleicht auch einen Freund gewonnen.

Die Gewalt ist um so viel reizvoller, weil man glaubt, das Schicksal forcieren zu können und schneller ans Ziel zu gelangen. Doch selbst der schnellste Sportwagen wird von der Schnecke überholt, wenn der Motor einen Schaden hat. Ich will mein Herz nicht dem Hass öffnen, will keine Pläne gegen Ausländer schmieden. Mein eigenes Herz würde Schaden nehmen, weil in den Fremden kein anderes Herz schlägt als in mir, nämlich das eines Menschen, der sein Leben einem Schöpfer verdankt. So vertraue ich lieber der Orientierung, die dieser Gott mir gibt, und arbeite jeden Tag an der Verwirklichung seines Reiches mit. Wenn es dazu auch Vertrauen braucht, Geduld und Demut. Herr, schenke sie mir!

Sehr bewegend fand ich die Reaktion der norwegischen Bevölkerung. So zahlreich wie lange nicht versammelten sich die Menschen in den Straßen, um ihrer Trauer Ausdruck zu geben, aber auch um für Mitmenschlichkeit und Liebe aufzustehen. Kronprinz Haakon rief ihnen vom Rathaus der Hauptstadt zu: „Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt.“ Man könne die Taten des Grauens nicht ungeschehen machen, „aber wir können selbst wählen, was sie mit uns machen.“ Und er forderte seine Landsleute auf, sich verstärkt für ein Norwegen einzusetzen, in dem „Verschiedenheit als Chance begriffen wird.“

Das ist ein starkes Zeichen der Mitmenschlichkeit. Da wird etwas vom Geiste Jesu lebendig, wie Paulus ihn formuliert: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,21)

 

© Thomas Heck - Erstveröffentlichung auf www.steyler.org