Bei aller Verschiedenheit der Schulen und praktischen Ansätze soll hier die Methode des Bibliodramas näher umrissen werden. Als Grundelemente können genannt werden: Es geht um ein spielerisches Umsetzen biblischer Texte durch Identifikation mit den darin vorgegebenen Rollen, mit dem Ziel einer vertieften Selbst- und Schriftwahrnehmung.

 

  Inhalt

1. Begriff, Bedeutung und Ziel

2. Methodik, Prozess und Möglichkeiten

 

 

1. Begriff, Bedeutung und Ziel
1. Begriff, Bedeutung und Ziel

Der Begriff "Bibliodrama" setzt sich zusammen aus den beiden Wörtern biblion (griechisch: Buch, hier: die Bibel) und drama (griechisch: Handlung, Vorgang); das Wort ist in Analogie zu Psychodrama gebildet und seit 1967 belegt. Bezeichnet wird damit eine Methode, die biblische Texte durch Handeln zu ergründen sucht. Ab dem Beginn der 70er Jahre hat sie sich aus einer Vielzahl von Wurzeln heraus entwickelt (wie christlichem Laienspiel, Spiel- und Theaterpädagogik, Körperarbeit, feministischer Theologie u.a.).

Im Gegensatz zur therapeutischen Arbeit im Psychodrama, in der das Freispielen ungelöster biographischer Konflikte im Vordergrund steht, nimmt das Bibliodrama das Ineinander und die Untrennbarkeit von religiöser Tiefendimension und Lebensgeschichte zum Ausgangspunkt, Inhalt und Ziel des Prozesses. In der Perspektive, dass biblische Texte Niederschlag verdichteter Erfahrung von Menschen mit Gott sind, geht es im Bibliodrama um die wechselseitige Erschließung der Heiligen Schrift mit der individuellen bzw. kollektiven Lebensgeschichte der Teilnehmer.

Bibliodrama kann als ganzheitliche Art der Bibelauslegung bezeichnet werden, insofern das Erfassen des Textes neben dem Intellekt alle Dimensionen des Menschen in seiner Einheit von Leib, Seele und Geist sowie seine soziale Dimension mit einbezieht. Letztlich geschieht im Bibliodrama Begegnung; durch den Prozess einer dialogischen, spirituellen und vielschichtigen Verknüpfung von Text und Mensch werden neue Dimensionen des Verstehens ermöglicht.

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2. Methodik, Prozess und Möglichkeiten
2. Methodik, Prozess und Möglichkeiten

Im Bibliodrama wird mit körperbezogenen Methoden der Identifikation gearbeitet. Sie setzen an der eigenen Erfahrung an, wobei die Gesamtbewegung des Prozesses auf dem Hintergrund des Textes geschieht und zu ihm zurückgeleitet wird. Darin liegt der spezifische Weg bibliodramatischer Erschließung. Kennzeichen in der Vielfalt der Möglichkeiten sind die grundlegenden Elemente: Körperarbeit, mimetisches Spiel (Nachahmung einer anderen Person) und gleichermaßen seelsorgerliche wie exegetische Reflexion. Methoden aus der Spiel- und Theaterpädagogik, der Humanistischen Psychologie, der Meditation u.a. bilden - je nach Qualifikation der Leiter, Interesse der Gruppe und Eigenart des Textes - das Grundgerüst für diesen Prozess.

Als Material zur bibliodramatischen Bearbeitung eignen sich bevorzugt Texte aus dem Alten und Neuen Testament, die eine Handlungsstruktur aufweisen, so z.B. die Erzählung vom Exodus, Heilungsgeschichten und Wundererzählungen, sowie Texte, in denen die bildhafte Symbolsprache im Vordergrund steht, z.B. Psalmen, das Hohelied oder Gleichnisse Jesu.

Der Gesamtprozess eines Bibliodramas verläuft in mehreren Phasen, die sich über etwa drei Stunden bis zu mehreren Tagen erstrecken können. Einzelne bibliodramatische Elemente lassen sich jedoch auch sehr gut als erlebnisorientierte Elemente in Gottesdienst, Religionsunterricht usw. einbeziehen. In allen Praxisfeldern der Religionspädagogik und Katechese wie auch in der theologischen und kirchlichen Weiterbildung wird mit dieser Methode gearbeitet.

Bibliodrama schafft einen Raum, in dem sich Menschen aus einseitig verstandesmäßigem oder klischeehaftem Verständnis biblischer Texte befreien können, in dem sie in lebendige Bewegung geraten und lernen können, im Licht des biblischen Textes ihre eigene Lebensgeschichte neu zu entdecken, zu interpretieren und zu verändern. Chance und Brisanz dieses integrativen Ansatzes liegen in der Konfrontation des im Bibliodrama Erarbeiteten mit den eigenen sowie den traditionellen Lebens- und Glaubensmustern.

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Verwendete Literatur:

Herzog, Susanne. "Bibliodrama" in: Volker Drehsen u.a. (Hg.). Wörterbuch des Christentums. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 1988: 151f.

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