Definition und theoretische Darstellung sind nur unzureichende Mittel, um dazulegen, was Bibliodrama wirklich ist und welche Wirkungen es bei den Teilnehmern entfaltet. Hier finden Sie deshalb einige Erfahrungsberichte, die einen konkreteren Einblick in das Geschehen erlauben.

  Inhalt

1. Bibliodrama mit Jugendlichen

2. Bibliodrama-Exerzitien für Priester

3. Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin

4. "Bibliodrama am Sonntag" in München

5. Seminarreise in den Kongo

 

1. Bibliodrama mit Jugendlichen
1. Bibliodrama mit Jugendlichen

Workshop "Bibliodrama" - für Jugendliche interessant?

An einem Freizeitwochenende für Kinder und Jugendliche in der Gemeinde biete ich erstmals einen Workshop "Bibliodrama" an. Unter vielen anderen Möglichkeiten wie Rallyes, Gruppenspiele, Singen usw. kann ausgewählt werden. Ich bin skeptisch, ob das Angebot genügend Interessenten finden wird, denn ich erlebe, dass Jugendliche oft wenig Lust haben, sich mit der Bibel auseinander zu setzen. Doch zu meiner Überraschung kommt dieser "Workshop" nicht nur zustande, sondern hat sogar einen recht großen Zulauf. Es entwickelt sich ein intensives Spiel, bei dem es um die Geschichte "Die Taufe Jesu am Jordan" (vgl. Mt 3,13-17) geht.

Mit einigen Übungen werden die Teilnehmer zunächst angeleitet, ihren Körper bewusst wahrzunehmen. Dann wird der biblische Text vorgelesen und Verständnisfragen werden geklärt. Anschließend geht es darum, die verschiedenen Rollen zu benennen, die in der Geschichte vorkommen. "Rollen" können im Bibliodrama nicht nur Personen sein, sondern auch Gegenstände, Orte oder Gefühle. Auch im Text nicht benannte Personen können ins Spiel kommen. Darauf spüren sich die Teilnehmer in eine Rolle hinein, die sie im folgenden Spiel gerne übernehmen wollen.

Es kommt einiges in Bewegung

Jetzt wird im Raum eine Bühne markiert und mittels einfachster Requisiten ein Bühnenbild entwickelt (ein blaues Tuch markiert den Jordan, einige Stühle stellen eine Stadt dar usw.). Die Teilnehmer betreten die Bühne und suchen sich den Platz, an dem sie in ihrer Rolle das Spiel beginnen wollen: Johannes steigt mitten in den Fluss. Der Heilige Geist klettert auf einen Stuhl. Jesus steht mit ein paar Freunden am Rand, usw.

Und dann beginnt das Spiel. Es ist unglaublich spannend zu erleben, welche Dynamik biblische Geschichten bekommen können, wenn sie in ein freies szenisches Spiel eingebracht werden. Plötzlich ist man irgendwie mitten drin im Geschehen. Menschen und Orte werden lebendig. Die Dramatik einer biblischen Geschichte wird leibhaftig erlebbar. Manchmal entwickeln sich Geschichten im Spiel ganz anders als die biblische Vorlage, was durchaus erlaubt ist. Da wird nicht nur Jesus getauft, sondern auch andere Menschen. Da spricht der Geist Gottes nicht nur zu Jesus, sondern auch zu anderen. Bei wieder einem anderen bleibt die Stimme stumm.

Ich spiele eine Rolle und spiele mich selbst

Nach einer gewissen Zeit wird das Spiel dann beendet. Die Mitspieler werden aufgefordert, noch ein kurzes Statement zu geben, wie sie sich nach diesem Spiel in ihrer Rolle fühlen. Schließlich verlassen sie ganz bewusst ihre Rollen, und es kommt zu einer Auswertungsrunde mit der Frage: Wie hat der / die Einzelne das Spiel aus seiner / ihrer Rolle erlebt? Hier wird noch einmal konkret, wie persönlich die Teilnehmer einen Zugang zu dieser Bibelstelle gefunden haben. Es wird deutlich, dass sie nicht nur eine Rolle, sondern auch ein Stück ihrer selbst ins Spiel eingebracht haben. Abschließend teilen sich die Mitspieler mit, was sie als Lernerfahrung aus diesem Spiel mitnehmen. Als die Teilnehmer des Bibliodrama-Workshop wieder auseinander gehen, erzählen sie begeistert den anderen Teilnehmern des Wochenendes von ihrer Erfahrung.

Ich habe mich nach diesen für mich zunächst überraschend positiven Erfahrungen gefragt, was die Jugendlichen am Bibliodrama reizt. Ich glaube, es ist der ganzheitliche Ansatz, der hinter dem Bibliodrama steht: Da sind die Körperübungen, die zu Beginn stehen. Da ist das Hineinschlüpfen in eine andere Rolle. Da ist das Spiel, das eine große Nähe entstehen lässt zwischen einer biblischen Geschichte und den Mitspielern. All das kann dazu führen, dass eine biblische Geschichte nicht einfach eine Geschichte bleibt, sondern zu "meiner" Geschichte wird. Mittels des Bibliodramas kann ich mich selber, meine Erfahrungen, mein Leben in der jeweiligen Geschichte entdecken. Gerade die symbolische Ebene von Geschichten kann mittels des Bibliodramas erlebt werden. Das alles führt dazu, dass die Jugendlichen plötzlich die Relevanz der Bibel für ihr Leben entdecken. Sie erleben, dass die Geschichten, die in der Bibel zu finden sind, auch nach tausenden von Jahren unser Leben bereichern können. Sie erleben im Bibliodrama Ermutigung, aber durchaus auch kritische Anfrage.

Bibliodrama ermöglicht Selbsterfahrung

Es gibt die unterschiedlichsten Formen des Bibliodramas mit teilweise sehr hohem Selbsterfahrungsanteilen. Sicherlich darf das Bibliodrama nicht leichtfertig eingesetzt werden. Der Spielleiter muss sich bewusst sein, dass im dramatischen Spiel bei den Teilnehmern Prozesse in Gang gesetzt werden bzw. heftige Reaktionen ausgelöst werden können. Hier muss ein Spielleiter unbedingt seine eigenen Grenzen kennen und die Form des Bibliodramas wählen, denen er als Spielleiter auch gewachsen ist. Je größer der Selbsterfahrungsanteil eines Bibliodramas ausfällt, desto erfahrener und geschulter muss der Spielleiter sein.

Trotzdem können einfache Formen des Bibliodramas sehr gut in die Jugendarbeit integriert werden. Und ich möchte Mut machen, das Bibliodrama als einen Weg zu entdecken, Jugendliche nachhaltig mit der Bibel in Berührung zu bringen. Gelegenheiten hierzu gibt es öfters als man zunächst einmal denkt.

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Verwendete Literatur:

Bibliodrama mit Jugendlichen: Nach einem Artikel von Frank.Reintgen, Köln in: Anzeiger für die Seelsorge, 9/2003: 48f.

 

2. Bibliodrama-Exerzitien für Priester
2. Bibliodrama-Exerzitien für Priester

Ein Erfahrungsbericht von Martin Jäggi

Der aus der Schweiz stammende Bethlehem-Missionar Pater Martin Jäggi arbeitet in der Bergpfarrei Barlic im Norden der Philippinen (Mountain Province), und hat 2002 die Ausbildung zum Bibliodramaleiter gemacht. In Zusammenarbeit mit der Philippinin Jessica Joy Candelario, ebenfalls Bibliodramaleiterin, und seinem Bischof Monsignore Claver gab er 2002 für die Diözesanpriester Exerzitien mit Bibliodramaelementen. Es war sicherlich keine leichte Herausforderung, das Vertrauen des einheimischen Klerus für eine solche Exerzitienform zu gewinnen. Was er schildert, macht neugierig auch für den Kontext in Europa, wo es um die gleiche Frage geht: Wie können die Priester für sich selbst offener und persönlicher dem Wort Gottes begegnen, damit sie daraus Kraft für ihren pastoralen Dienst schöpfen? R. Pöhl

(von l. n. r.: M. Jäggi, J. Candelario, R. Pöhl)
Fotos  © SVD

Als ich beschloss, einige Weiterbildungskurse anzubieten, war mein eigentlicher Plan auf keinen Fall, Exerzitien zu "predigen". Ich hatte zu der Zeit geplant, in einem Bibliodrama-Grundkurs interessierten Pfarrern Bibliodrama-Erfahrungen aus erster Hand zu ermöglichen. Das sollte sie befähigen, die Möglichkeiten dieses "Werkzeugs" für die Pastoral aufzugreifen. So könnten sie ihre Katecheten, Lehrer und andere Kirchenmitarbeiter darin unterstützen, Bibliodrama einzusetzen und sich darin zu üben. Als ich während eines Priestertreffens die Einladung zu solch einem Grundkurs verteilte, kam der Bischof selbst auf die Idee, dass unsere jährlichen Exerzitien mit Bibliodrama gestaltet werden könnten. Warum eigentlich nicht?

Warum nicht: Exerzitien mit Bibliodrama?

Anfang September trafen wir uns in Baguio mit Frau Joy Candelario aus Manila, welche ich gebeten hatte, mir mit ihrer Erfahrung in der Weiterbildung zu helfen. Joy hatte einige Erfahrung mit Seminaristen aus der Priesterausbildung, aber keine mit einer reinen Priester-Gruppe. Wir waren beide etwas skeptisch, weil wir aus gutem Grund eine Menge Widerstand erwarteten. Es hieß allgemein, dass in Weiterbildungskursen mit der Unterstützung eines Pfarrers Bibliodrama zwar gelegentlich "erblühen" könnte, aber in den meisten Fällen würden die Pfarrer" die Suppe verderben" (viele Köche verderben den Brei) - wahrscheinlich weil sie sich bedroht fühlten durch Methoden, die ihnen nicht vertraut wären.

In meinen einführenden Anmerkungen versuchte ich, Bibliodrama im Kontext der gegenwärtigen Spiritualitäts-Diskussion anzusiedeln. Zwei Seiten gehören dabei zu einem Gesamtbild. Aber möglicherweise standen die Teilnehmenden unter dem starken Einfluss der einen, auf "Erlösung/Rettung" ausgerichteten Seite. Ich will es kurz veranschaulichen:

Auf Rettung/Erlösung ausgerichtete Spiritualität Auf Schöpfung/Inkarnation ausgerichtete Spiritualität
Etwas ist verdorben! Was ER schuf war sehr gut!
Vervollkommne dich! Verstärke die Anstrengung! Erfreue dich, genieße dankbar! Freue dich daran!
Opfere! Verleugne dich selbst! Lobe Gott!
Dogmen/Wahrheiten Glaubensgeschichten
Wissenschaftliche Definitionen Symbole/Gleichnisse (Vergleiche)
"in alle Ewigkeit" - auf Distanz "hier und jetzt" - unmittelbar 
einer intellektuellen, elitären Gesinnung angemessen für Kinder/ für "die Kleinen"/ für jedermann
"männlich" "weiblich''
Denke! Fühle!
Linke Hirnhälfte Rechte Hirnhälfte

Wer immer mit Bibliodrama vertraut ist, wird mir zustimmen, dass es hilfreich ist, eine Balance zwischen zwei gegensätzlichen Zugängen zu suchen. Ein kleines Übergewicht hin zur rechten Seite der Liste könnte aber nicht schaden.

Der Lebensweg Jesu als Thematik

Wir begannen mit der Betrachtung von Schlüsselorten auf der Lebensreise Jesu, und wählten jeder unseren bevorzugten Ort. Nach einigen Interviews mit je einer einzelnen Person aus der gewählten Orts-Szene tauschten wir uns in Dreiergruppen aus. Nach diesem ersten Schritt gingen wir weiter zum ganzen Text und zum wesentlichen Inhalt von Mt 4, 1-11, die Versuchung Jesu, angeleitet durch Pater Rudi Pöhl SVD. Wir näherten uns dem Text mit verschiedenen Arten des Lesens (jeder für sich, versweise, phrasenweise, in Gruppen, nach Art der Judenschule, mit Echos, in der Stille usw.). Danach wurden alle aufgefordert, Gesten als Ausdruck für ihre gewählten Worte/Phrasen/Handlungen zu entwickeln und sie im Plenum der Reihe nach vorzustellen.

Am Nachmittag gab es Aufwärmübungen, Stocktanz und verschiedene Partnerübungen. Dann kamen wir zum Text zurück und wandten uns der Versuchungsgeschichte zu als dem Wendepunkt zwischen dem Ruf Johannes des Täufers nach Umkehr und Jesu Zusammenfassung der Botschaft des Johannes, der Berufung der Jünger und der Ansage des Neuen Geistes des Gottesreiches in der Bergpredigt.

In der Eucharistiefeier wurde der Bibeltext von drei Spielern gelesen: einem Erzähler, Jesus und dem Teufel. Die Bittgebete wurden durch Gesten der Verführung, des Versagens und Bestehens, dargestellt. Alle antworteten mit dem Lied aus Taizé: "Jesus, denk an mich, wenn du in Dein Reich kommst".

Positiv überrascht

In ersten Rückmeldungen trat ein erstaunlich intensives Gefühl der Solidarität innerhalb der Gruppe zu Tage. Zu meiner großen Verwunderung kam das erste unterstützende Votum genau von dem einen Teilnehmer, von dem ich vernichtende zynische Anmerkungen befürchtet hatte. Jüngere Pfarrer fühlten sich ermutigt, dadurch dass sich auch die älteren Kirchenmänner (einschließlich des Bischofs, dem ältesten von allen) auf die Übungen einließen. Teilnehmer mittleren Alters äußerten sich zufrieden darüber, an Exerzitien teilzunehmen, die Geist und Herz ansprachen, die in gleicher Weise eine Herausforderung bedeuteten, wie sie Freude bereiteten.

Zweiter Tag: Orte der Versuchungserzählung

Am zweiten Tag richteten wir die Aufmerksamkeit auf die Landschaften der Geschichte: Wüste, Tempelmauer in der Stadt und einen sehr hohen Berg. Jeder Teilnehmer wählte einen Ort und drückte aus, wie er sich dort fühlte. Als nächstes bildeten sie Gruppen und stellten eine "Vignette" auf, d.h. sie gestalteten die Charakteristika des Platzes und wie sie sich dort fühlten.

Höchst dramatisch schien mir die von allen getroffene Entscheidung, dass jeder entweder die Rolle des Teufels oder die Rolle Jesu wählen sollte. Die vorgestellten Gesten als Ausdruck des Wesens oder der Handlung des gewählten Charakters zeigten eine große Vielfalt.

Die erste Stunde am Nachmittag war einer weiteren Aufwärmübung mit Stöcken gewidmet, die Bezüge zu Kooperation-Balance-Teambildung beinhaltete. Dialoge zwischen Jesus und dem Teufel über die Frage: "Wem gehört die Welt?" erwiesen sich eher als überfordernd. Wenige wagten, die Bühne zu betreten, keiner überzeugte durch seine Argumente.

Vor der Eucharistie war Zeit zum privatem Nachdenken. Wir schlugen vor, dass die Teilnehmer entweder einen leeren Stuhl oder eine Egli-Figur benutzen sollten, um den Dialog mit dem anderen Ich - mit der dunklen Seite in sich - zu führen. Einige kamen einem Bekenntnis wie dem im Sakrament der Versöhnung nahe.

Dritter Tag: Spiel der gesamten Versuchungsszene

Am dritten Tag erreichten wir den Höhepunkt, das große Gruppenspiel der Versuchungsgeschichte.

Auch heute geschehen Wunder!

Während der drei Tage gewann ich den Eindruck, dass sich einige Wunder ereignet hatten: Die erstaunliche Kooperation wirklich aller miteinander, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, unbekanntes Territorium zu betreten, von einer recht jungen Frau angeleitet und dirigiert zu werden. Die Atmosphäre war entspannt, offen und willig. Manche erlebten, was es einen kostet, auf die eigene dunkle Seite zu schauen, dabei aber mehr Energie für anstehende Auseinandersetzungen zu gewinnen. Alle Teilnehmer gehörten zum indigenen Volk der Kordilleren. Für sie war es ganz natürlich zu tanzen. Tanzen mit Bibelarbeit zu verbinden schien ihnen große Freude zu machen.

In seinem letzten Beitrag verband der Bischof diese Bibliodrama-Erfahrungen mit der pastoralen Aufgabe der lokalen Kirchen: Kirchengemeinschaften aufzubauen. Ein grundlegendes Element dieser Gemeinschaften sei das" Bibel-Teilen". Er bemerkte, dass die Pfarrer zum ersten Mal dieses Teilen des Wortes Gottes unter sich selbst praktiziert hätten - und das in dieser kreativen, freudebringenden Art.

"Hiney mah tov uhma naim shewet achim gam yachad" tanzten wir und sangen voller Freude: "Wie schön ist es, wenn alle eins sind vgl. Ps 133,1).

Artikel von Martin Jäggi (leicht gekürzt).

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3. Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin
3. Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin

Am 28. Februar 2004 boten Christel Schumann und Thomas Heck in Hennef/Sieg ein Bibliodrama an. Brigitte Detmar, eine der TeilnehmerInnen, berichtet, wie es ihr in der von ihr gewählten Rolle der Angst ergangen ist.

         Bibeltext:

Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief.


Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?
 

 

Bibliodrama zu "Der Sturm auf dem See" (Mk 4,35-41)

Samstag Nachmittag, 14.00 Uhr: Dreizehn TeilnehmerInnen, eine Leiterin und ein Leiter treffen sich, um ein Bibliodrama durchzuführen. Die Textstelle ist noch nicht bekannt: Wir (zwölf Frauen, ein Mann) sitzen im Kreis und werden von unserer Bibliodramaleiterin und unserem Bibliodramaleiter eingeladen, mithilfe einer Körperübung anzukommen und uns vor Gott zu stellen. Ruhe tritt ein. Der Bibeltext wird gelesen, einmal, zweimal.

Dann werden die Rollen aus dem Text herausgeschrieben: Mit Erstaunen stelle ich fest, dass fast alle Rollen apersonal sind. Unglaublich viele Rollen werden benannt. Schließlich sind alle zufrieden mit der Liste der aufgestellten Rollen.

Es entstehen Fragen: Wie groß ist der See? Wie kann Jesus in der Situation schlafen? Wie kann Jesus den Jüngern ihre Angst vorwerfen? Warum ergreift die Jünger Furcht? Was ist der Unterschied zwischen Angst und Furcht? Hat die Angst der Jünger überhaupt etwas mit mangelndem Glauben zu tun? Wieso nimmt Jesus sich das Recht, sich den Leuten zu entziehen, die ihm den ganzen Tag zugehört haben?

Es tut sich 'was im Innern

Nach der Klärung der Fragen wird der Text noch einmal gelesen. Ich merke, wie sich die Gefühlslage in mir ändert. Ich weiß, was jetzt gleich kommt: Der Raum (unser Pfarrsaal) wird in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Ich werde diesen Raum durchwandern sollen, um mich einzufühlen in die jeweiligen Gegebenheiten, um zu spüren, wo mein Standort ist, um dort zu bleiben und in meine mir an diesem Nachmittag und in dieser Situation gemäße Rolle zu schlüpfen.

Der Raum besteht aus vier Zonen:

Wie gerne wäre ich das sichere Ufer! Doch heute Nachmittag passe ich dort nicht hin. Ich ahne, dass ich mich im schwankenden Boot, mitten im See, mitten im Sturm wiederfinden werde. Nach einiger Zeit stehen alle dreizehn Menschen in dem kahlen Raum an dem ihnen entsprechenden Ort:

Nach den Interviews, in denen sich die dreizehn TeilnehmerInnen in ihrem Rollenverständnis vorstellen konnten, beginnt das Spiel wie von selbst:

Glaube kommt in Bewegung

Die Co-Leiterin verwandelt sich in Jesus, der sich schlafend mitten ins schwankende Boot legt. Kaum hat Jesus sich hingelegt, legt sich die Angst, so wie sie ist und sich fühlt, auf den Boden daneben. Die Angst liegt auf dem Bauch, die Arme um den Kopf. Sie sucht nach Halt und Befreiung aus ihrer beklemmenden Situation und fasst das Kissen, auf dem Jesus liegt. Eine Jüngerin mit Angst tritt hinzu, fühlt sich von der Angst angezogen, mit ihr verwandt und nimmt Kontakt mit ihr auf. Die Angst empfängt dies als positives Signal, berührt und nimmt schließlich auch die Hand der Jüngerin. Der andere Jünger wird aktiv, er entschließt sich, Jesus zu wecken. Er tut's. Jesus steht auf. Die Angst kriecht hinter ihm her, umfasst seinen Knöchel, die Jüngerin folgt, hält Körperkontakt zur Angst. Die Angst kann sich zunehmend aus ihrer Beklemmung befreien, richtet sich auf. Zwei der Personen, die die Stille verkörpern, kommen mit hinzu, berühren, geben Sicherheit. Gemeinschaft entsteht. Die Angst kann ihre Angst überwinden und löst sich auf, als Gefühl und als Mensch, sie geht an's sichere Ufer. Andere folgen. Aufatmen. Das sichere Ufer nimmt die, die in Not waren, herzlich auf.

Aber eine Jüngerin, die die eigentlich das erste Ufer an diesem Abend gar nicht mehr hatte verlassen wollen, steht noch im See. Sie strahlt Traurigkeit und Einsamkeit aus, so wie sie da steht. Der Bibliodramaleiter wendet sich ihr zu, auf seine Fragen hin, kann sie ihre Gefühle auch verbal ausdrücken. Ihr ist das alles zu schnell gegangen. Ihre Traurigkeit bricht sich Bahn. Sofort wollen einige hinzu, um zu trösten, doch ein Handzeichen des Leiters stoppt sie. Manche Situationen muss man erleben, durchleben. Angestoßen durch ein Gespräch mit dem Leiter gelingt es der Jüngerin zu spüren, dass sie gerne die Hilfe Jesu hätte. Sie traut sich jedoch nicht, ihn darum zu bitten. Die Co-Leiterin legt sich als Jesus wieder auf ihren Platz im Boot. Der Leiter ermuntert leicht und schließlich fasst sich die Jüngerin ein Herz und weckt Jesus, bittet ihn um Hilfe. Jesus lässt sich ganz leicht wecken und geht sofort auf die Bitten der Jüngerin ein, nimmt sie in den Arm, die Jüngerin kann die Nähe annehmen und entspannt sich. Auch sie wendet sich dem sicheren Ufer zu und wird von den anderen aufgenommen.

Aber da sind noch andere Schauplätze des Geschehens: die Jüngerin, die gehofft hatte, von Jesus selbst mit den Augen angesprochen zu werden, auch sie steht noch im See, weiß nicht wohin. Die Jüngerinnen, die zu Fuß nachkommen wollten, sind noch unterwegs. Einen Jünger, der mit im Boot war, hat das alles wenig berührt, er hatte keine Angst, weil er den Ausgang der Geschichte schon kannte.

Als schließlich jede und jeder irgendwie angekommen zu sein scheint, werden die Teilnehmer des Bibliodramas in Schlussinterviews gefragt, wie sie sich fühlen; sie bekommen die Möglichkeit zu kurzen Statements. Ruhe und Geborgenheit sind eingekehrt, Entspannung, positive Formen von Erschöpfung.

Die Seefahrer sind erschöpft

Nach einer Erholungspause folgt die Auswertungsrunde: drei Fragen stehen nacheinander im Raum: Wie bin ich zu meiner Rolle gekommen? Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt? Was möchte ich von den Erfahrungen des Nachmittags am Spielort lassen, was möchte ich mitnehmen? In den Antworten der TeilnehmerInnen wird deutlich, wie viel persönliche  Lebenssituation in die Rollenwahl und ihre Ausgestaltung geflossen ist, wie sehr der/die Einzelne sein/ihr Leben mit der Bibelszene in Verbindung gebracht hat. Und - trotz der intensiven inneren Beteiligung, die einzelne im Spiel erfahren haben - alle fühlen sich geborgen und in Frieden aufgehoben.

Es folgt eine Phase, in der der Pfarrsaal in den See Gennesaret mit all seinen bibliodramatischen Stationen verwandelt wird. Requisiten wie bunte Tücher, Wolldecken und Seile helfen dabei. Eine Uferlandschaft entsteht, mit einem Boot, von dem aus Jesus gepredigt hatte; ein weiteres Boot mitten im See, so groß, dass alle TeilnehmerInnen darin sitzen können; dann das sichere Ufer. Die Phase der Raumgestaltung durch die TeilnehmerInnen leitet über zur Heiligen Messe, in die während des Wortgottesdienstes bibliodramatische Elemente einfließen. Die Stationen der biblischen Geschichte werden noch einmal abgeschritten und gemeinsam erlebt. Die Eucharistiefeier findet statt am sicheren Ufer. Sie wird zu einem, den ganzen Nachmittag abrundenden tiefen Erlebnis, in dem Gemeinschaft mit Gott und Gemeinschaft untereinander spürbar werden.

Danke Gott! Und Danke an euch Bibliodramaleiter! Es war gut, dabei gewesen zu sein.

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4. "Bibliodrama am Sonntag" in München
4. "Bibliodrama am Sonntag" in München

Im St. Pius-Kolleg in München bieten Steyler Missionare jeden Monat einen Besinnungstag mit Bibliodrama an. Die Teilnehmer sind begeistert von dieser kreativen Art, sich mit den biblischen Texten auseinander zu setzen und so Wichtiges in ihrer Lebensgeschichte zu entdecken.

Die Weinbergbesitzerin und was man von ihr erwartet

Der Weinbergbesitzer macht sich nicht mal die Mühe aufzustehen: "Wieso, ich habe mit euch einen Lohn ausgemacht und den kriegt ihr ja. Was regt ihr euch so auf?"

Jürgen, Gerd und ich kochen vor Wut. Wir sind Arbeiter, die seit Stunden in sengender Sonne geschuftet haben und nun miterleben müssen, wie Otto und Theresia, die den halben Tag im Schatten gewartet haben, den gleichen Lohn für ungleiche Arbeit bekommen. "Mag ja sein, dass es dein Recht als Kapitalist ist, deine Arbeiter so zu behandeln. Aber trotzdem ist es ungerecht - da gehört das System geändert", schimpft Jürgen.

Er streitet und argumentiert, während ich schon resigniert habe: Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Protest irgendeinen Sinn hat. Pater Rudi Pöhl, der in unserem Bibliodrama "die Enttäuschung" verkörpert, schleicht sich von hinten an mich heran, ich lehne mich bequem an ihn - es tut gut, der Enttäuschung nachzugeben. Fünf Minuten später stellt er sich neben Jürgen, aber der jagt ihn davon: "Bleib mir vom Leib, Enttäuschung, ich will kämpfen!" Dagegen ist Weinbergbesitzerin Hanna richtig begeistert, als sich die Enttäuschung neben sie hockt: "Endlich bin ich nicht mehr so allein."

Gleicher Lohn für alle

Wir spielen die berühmte Erzählung von dem Weinbergbesitzer, der auch den Arbeitern, die erst im letzten Moment zur Ernte kommen, einen vollen Lohn zahlt. Mein theologisch geschulter Kopf kennt den Streit, der hinter diesem Text aus dem Matthäusevangelium (Mt 20,1-16) steckt: Das Heil steht nicht nur den Judenchristen offen, die sich an die Gesetze gehalten haben, sondern auch denen, die erst spät zu Christus finden. Alles kein Problem also?

Beim Bibliodrama gibt es kein Textbuch und keine Besetzungsliste. Jede/r sucht sich die Rolle, die er oder sie spielen möchte, weil sie aktuell zu ihm passt. Kleine Meditationsübungen helfen, diese Rollen (die nicht unbedingt nur Personen, sondern auch Dinge oder Emotionen sein können) zu finden.

Hans, der Pflichtbewusste, spielt einen Arbeiter, der lieber die Ernte einbringen will, als über Löhne zu streiten. Theresia, die Schüchterne, hofft, dass sie angeworben wird, wagt aber keinen Schritt vorwärts. Jürgen ist Stadt-Gottes-Leser und auch "im wirklichen Leben" ein engagierter Streiter gegen Ungerechtigkeiten.

Raum für meine Unzufriedenheit

Ich selbst wäre in diesem Spiel gern etwas anderes, der Marktplatz zum Beispiel: offen für alle, solidarisch mit denen, die auf Arbeit hoffen. Aber ich spüre, dass diese distanzierte Position nicht stimmt. In diesen Tagen schufte ich wie wild, versuche es allen recht zu machen und bekomme keinen Dank. Nein, ich muss einen unzufriedenen Arbeiter spielen und spüre schnell, welche Brisanz, ja welcher Skandal sich in diesem Bibeltext verbirgt.

"Im Bibliodrama sind wir mit unseren dunklen Seiten aufgehoben", erklärt Pater Rudi Pöhl, der schon seit Jahren Bibliodrama-Kurse in Neuguinea und auf den Philippinen gibt. Mit zwei Mitbrüdern und einer Steyler Missionsschwester arbeitet er im Bibelpastoralen-Team am St. Pius-Kolleg in München und bietet regelmäßig "Bibliodrama am Sonntag" an. "Hier dürfen wir auch die unangenehmen Rollen spielen, Judas oder den neidischen älteren Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und damit gewinnen wir wichtige Erkenntnisse für unser Leben."

Und weil es kein neugieriges Publikum gibt und das Spiel kein festgelegtes Drehbuch hat, bekommen die jahrtausendealten Texte eine neue Bedeutung für die eigene Lebensgeschichte und stoßen auch persönliche Bekehrungen an.

Das Wort Gottes in meiner Wirklichkeit geerdet

Ein wichtiges Element beim Bibliodrama ist die Auseinandersetzung mit dem Bibeltext. Vor dem Spiel wird er immer wieder gelesen, die Gruppe stellt miteinander eine Liste der wichtigsten Akteure, der Emotionen und Problemstellungen auf. "Wir versuchen, Glaubenswissen zu vermitteln und es mit dem Leben zu verbinden", betont Pater Thomas Heck aus dem Bibelpastoral-Team. "Und da kann es gut sein, im Spiel zu erleben, dass man selbst kein perfekter Gläubiger ist und viele Anteile von Judas oder dem neidischen älteren Bruder in sich hat. Das Wort Gottes wird also gewissermaßen geerdet - und kommt so zum Leuchten."

Solche Erfahrungen kann Theresia bestätigen. Sie hat schon dreimal im Bibliodrama mitgespielt und sagt: "Mein Glaube wurde wirklich auf die Füße gestellt. Ich habe dabei etwas entdeckt, das ich noch nie so gesehen habe. Das sind Erkenntnisse, die ich auch nach tagelangem Meditieren nicht bekommen könnte."

Otto und Monika sind seit zehn Jahren in einem Bibelkreis aktiv und möchten die Bibliodrama-Tage nicht missen: "Die Bibel hat etwas mit mir zu tun, mit meinem Leben. Wenn das nicht so wäre, könnte ich ja gleich eine gute Jesus-Biografie lesen!"

Für die beiden Steyler Missionare ist klar: Bibliodrama ist eine wichtige Methode der Bibelarbeit, die nicht nur bei einfacheren und eher gefühlsbetonten Christen armer Länder ankommt. Im St. Pius-Kolleg steht in jedem Monat "Bibliodrama am Sonntag" auf dem Programm. "Wir Steyler nennen uns Gesellschaft des Göttlichen Wortes", betont Pater Pöhl. "Wir wollen, dass die Leute Erfahrungen mit dem Wort machen, Erfahrungen, die greifen und ihr Leben verändern. Und vielleicht wäre das sogar eine Methode, wie man Menschen, die die Kirche verlassen, weil sie keine Verbindung zwischen ihrem Leben und Gott sehen, gewinnen könnte. Schließlich sind wir Missionare!"

Christina Bramkamp. Artikel erschienen in: Stadt Gottes. Familienzeitschrift 
der Steyler Missionare. Mai 2005, Nr. 5: 12f. Fotos: Hans Brunner ©.

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5. Seminarreise in den Kongo
5. Seminarreise in den Kongo

Ein Erfahrungsbericht über meine Bibliodrama-Seminarreise in die Demokratische Republik Kongo vom 28. Juli bis zum 18. August 2005

„Ich komme mir manchmal vor wie ein Gespenst“

Darauf hatte ich mich schon gefreut, wieder in freudestrahlende afrikanische Gesichter blicken zu können. Und schon im Shuttle-Bus auf dem Pariser Flughafen hatte mich der Flair unbeschwerter afrikanischer Lebensfreude erreicht. Ich war also wieder auf dem Weg in den großartigen Kongo, in dem ich sechs Jahre als Missionar gelebt und gearbeitet habe. Hier hatte ich lebendige Gottesdienste gefeiert mit viel Gesang und Tanz, hier habe ich gespürt, wie die Menschen mit Freude und Hingabe dem Wort Gottes begegnen. Trotz der wirtschaftlich desolaten Situation schaffen es die Menschen, sich eine Freude am Leben zu bewahren, die ansteckend wirkt.

Bibliodrama ist ganzheitlich

Mein erneutes Kommen in den Kongo war diesmal auf drei Wochen beschränkt. Nachdem ich im Jahr 2001 den schwarzen Kontinent verlassen hatte, um eine neue Aufgabe in Deutschland zu übernehmen, habe ich eine Ausbildung zum Bibliodramaleiter gemacht. Bibliodrama ist eine von vielen Arten der Bibelarbeit, bei der Bibeltexte mit Gruppen ganz lebendig umgesetzt werden können. Es geht nicht darum, wie der Name zunächst vermuten ließe, Bibeltexte als Theaterspiel vor einem Publikum aufzuführen. Es geht vielmehr darum, sich selbst im improvisierten Spiel innerhalb einer kleinen, vertrauten Gruppe von der Handlung des Textes berühren zu lassen. Dabei lassen sich die TeilnehmerInnen von den eigenen Lebensfragen leiten und kommen so in persönlichen Kontakt mit der Heilsgeschichte. Sie erfahren z.B., wie Jesus ihnen die Hand reicht, um sie aus den sie bedrängenden Fluten zu ziehen oder wie stark Ängste und Zweifel sie daran hindern können, dem Leben in Jesus entgegen zu gehen.

Im Kongo ist die Bibelarbeit eines der Zugpferde unseres Engagements als Steyler Missionare. In der Hauptstadt Kinshasa haben wir das Bibelzentrum „Centre Liloba“ eingerichtet, das sich speziell der breit angelegten Weiterbildung in Sachen Heiliger Schrift widmet. Alle zwei Jahre wird ein - nach der Konzilskonstitution von 1965 benannter - „Dei Verbum“-Kurs organisiert. Das ist eine bibelpastorale Fortbildung, zu der die in der Seelsorge Engagierten aus dem ganzen Land eingeladen sind, um für die Arbeit mit der Bibel Vertiefung, neue Impulse und Methoden zu bekommen. Zum ersten Mal, so hatten es der Leiter des Bibelzentrums, P. Matthieu Thekkeyil, und ich ein Jahr zuvor abgesprochen, sollte auch eine Einheit mit Bibliodrama in den Kurs aufgenommen werden.

Wird Bibliodrama im kongolesischen Kontext angenommen werden?

Es war für mich eine Herausforderung, denn Methoden lassen sich oft nicht einfach von einer Kultur in die andere übertragen. Deshalb hatte ich meinen Teamkollegen, P. Rudi Pöhl, zu seinen Erfahrungen mit Bibliodrama im asiatischen Kontext befragt. Er erzählte mir von seinen reichhaltigen und sehr positiven Erlebnissen mit dieser Art von Bibelarbeit in den Philippinen sowie in Neuguinea und machte mir Mut, es auch in Afrika zu versuchen.

Das erste Bibliodramaseminar gab ich im Landesinneren, in Bandundu. Hier waren die jungen Männer in der Ausbildung und einige Mitbrüder schon gespannt darauf, was es mit Bibliodrama wohl genauer auf sich haben würde. Eine zweite Gruppe bestand aus jeweils drei TeilnehmerInnen aus den verschiedenen Pfarreien der Stadt. Vier Tage lang, eine Gruppe am Vormittag, die andere am Nachmittag, haben wir mit so viel Theorie wie nötig und so viel Praxis wie möglich lebendig die Bibel erlebt.

Eine Aufwärmübung mit Körperbewegungen zur Musik, das war für die Kongolesen keine schwierige Aufgabe, allein die Musik war deutlich nicht afrikanischer Herkunft. Nach einer kurzen Vorstellrunde lud ich die TeilnehmerInnen dann zu einem ersten Bibliodramaelement zum Thema „Meine Beziehung zur Heiligen Schrift“ ein. Wir standen auf und nahmen die aufgeschlagene Bibel, die in der Mitte auf einem farbigen Seidentuch lag, wahr. „Spüre in deinem Körper wie nahe oder wie fern du dem Wort Gottes bist. Probier’ es einfach aus: Stell dich einmal näher zur Bibel hin und geh dann wieder ein paar Schritte zurück. An welcher Stelle empfindest du deine Nähe oder deine Distanz zur Bibel entsprechend ausgedrückt?“

Anfangs noch etwas zögerlich machten sich die Einzelnen daran, auszutesten, welcher Abstand von der Bibel für sie im Moment ihre innere Beziehung verkörperte. Einige stellten sich ganz nah, beugten sich zur Bibel hin oder knieten sich, um sie zu berühren, andere standen weiter entfernt, einer am Rande des Raumes. Dann lud ich sie ein, mit der Bibel ins Gespräch zu kommen in dem Bewusstsein, dass Jesus, das menschgewordene Wort Gottes, unter uns ist. „Du bist Licht auf meinem Weg“, „Herr, dein Wort tröstet und ermutigt mich“, „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, „Dein Wort bleibt mir manchmal wie mit sieben Siegeln verschlossen“, „Vor deinem fordernden Wort möchte ich mich manchmal verstecken“, so waren die TeilnehmerInnen zu hören.

Dann lud ich sie ein, die Hände auszustrecken und nach ihrem Empfinden eine Geste einzunehmen, in der Erwartung, dass nun das Wort Gottes in der Gestalt der Bibel in Begegnung mit ihnen kommen wollte. Ich nahm die Bibel aus der Mitte und reichte sie für einige Momente jedem einzelnen. Eine Teilnehmerin legte die Bibel an ihr Herz, ein anderer an das Ohr, einige verneigten sich, andere lasen einen Abschnitt, um das Wort in sich aufzunehmen. Der Raum erfüllte sich mit Innigkeit und Stille. Zum Abschluss dieser liturgischen Begegnung sprach ich, mit der Bibel in den Händen, den Segen über die ganze Gruppe.

Im anschließendem Austausch zeigten sich die TeilnehmerInnen überrascht über die Bewegung, die dieses Element in ihnen ausgelöst hatte, überrascht und erfreut, weil es ihnen die Möglichkeit gab, auszudrücken, anzuschauen und miteinander zu teilen, was sonst oft tief im Herzen verborgen blieb. Nachdem die TeilnehmerInnen sich einmal an die Weise der aktiven Teilnahme im Seminar gewöhnt hatten, erlebten wir auch an den drei weiteren Vor- bzw. Nachmittagen tiefe und bewegende Momente mit der Hl. Schrift.

Rückkehr an die Ursprünge: Seminar in meiner Kaplansgemeinde

Lebende Skulptur: Johannes, Petrus und der Gelähmte

Nach dieser für mich sehr ermutigenden Erfahrung konnte ich mich schon etwas gelassener auf das intensive weitere Programm einlassen, das meine Mitbrüder in Zusammenarbeit mit meinen kongolesischen Freunden zusammengestellt hatten und das mich in einige Pfarreien und Kreise der Hauptstadt führen sollte, damit ich auch dort Bibliodrama vorstellte. Natürlich waren auch drei Seminarabende in der Pfarrei St. Felix – Mombele geplant, dort, wo ich von 1995 bis 1998 Kaplan war. Es war ein freudiges Wiedersehen mit so vielen Menschen.

Hier stellte ich ein Element zu Mt 14,22-33 „Der Gang Jesu auf dem Wasser“ vor. Nach einer Bewegungsübung lasen wir gemeinsam den Text aus dem Matthäusevangelium. Dann versuchten wir herauszufinden, wer dort alles eine Rolle spielte: Jesus, Petrus, die Jünger, der Wind, das Boot, das Gespenst… Ein zweites Mal wurde der Text gelesen, und ich lud ein, Empfindungen dazu mitzuteilen: „Was kommt bei dir an, wenn du diese Geschichte hörst? Was löst sie bei dir aus?“ Als wir uns so mit dem Text vertraut gemacht hatten, teilte ich den Raum in verschiedene Orte auf. Die ganze Fläche war der See, links das Boot mit den Jüngern. Ich stellte zwei Stühle gegenüber in das Boot und deutete den einen mit den Worten: „Das ist die Seite im Boot, wo die Jünger Angst haben und das Gespenst sehen.“ Zu dem anderen Stuhl erklärte ich: „Das ist die Seite im Boot, wo die Jünger Jesus erkennen und ihn als Gottes Sohn verehren.“ Weitere Stühle stellte ich, mich immer weiter nach rechts bewegend für folgende Rollen auf: der Wind, Petrus, das Gespenst, Jesus.

Schließlich gab ich den TeilnehmerInnen die Möglichkeit, dass jeweils einer einen der Stühle auswählte und sich darauf setzte. An dem Ort sollte er sich dann einfühlen und einen Satz aus der Rolle, die er gewählt hatte, sagen. So setzte sich ein Pfarrmitglied auf einen Stuhl im Boot und sagte: „Ich habe oft Angst, aber hier ist es besonders schlimm. Wo bleibt Jesus nur? Warum ist er nicht da?“ Ein anderer nahm auf dem Stuhl „Gespenst“ platz: „Ich komme mir manchmal vor wie ein Gespenst, auch in der Gemeinde. Ich bin noch neu hier, und es ist, als ob die anderen Angst vor mir haben, weil sie mich nicht kennen.“ Eine engagierte Frau installierte sich auf dem Stuhl des Petrus und sagte: „Ich versuche dem Ruf Jesu zu folgen, mich für ihn zu engagieren. Aber dann bekomme ich Selbstzweifel und weiß nicht mehr, ob es richtig ist, was ich tue.“ Ein weiterer setzte sich auf einen Stuhl im Boot: „Ich sitze hier auf der Seite der Jünger, die Jesus erkennen und anbeten. Ich habe in meinem Leben schon viele Stürme mitgemacht, aber Er blieb mir immer nah.“

Bei der anschließenden Auswertung meldete sich ein junger Mann, der sich auf den Stuhl der Angst im Boot gesetzt hatte und sagte: „Was mache ich, wenn ich immer noch die Angst spüre?“ Ich lud ihn ein, sich noch einmal auf denselben Stuhl zu setzen. Ich selbst stieg in die Rolle Jesu ein und rief ihn, dass er über das Wasser zu mir kommen sollte. Aber der Jünger hatte solche Angst, dass er nicht aus dem Boot steigen konnte. So bewegte ich mich als Jesus behutsam auf das Boot zu und näherte mich ihm. Ich lud ihn ein, Jesus zu erkennen und Vertrauen zu haben. Daraufhin streckte ich meine Hand aus, spürte aber, dass ich warten musste, bis ein Signal von seiner Seite kam. Wenn ich von mir aus seine Hand ergriffen und ihm mutmachend auf die Schulter geklopft hätte, hätte ich seinen Prozess nicht ernst genommen. Ich spürte, er brauchte Zeit und die gab ich ihm. Ich stand einfach da, nicht aufdringlich, aber bereit. Und dann kam langsam und zögerlich eine Bewegung von ihm, bis er schließlich meine Hand ergreifen konnte und ich im Boot neben ihm zu stehen kam.

Das war im Grunde eine Petrus-Erfahrung, Petrus, der in der Geschichte auf halbem Wege zu Jesus im Wasser unterzugehen drohte, dann aber die ihm entgegengestreckte Hand seines Herrn ergriff und so gerettet wurde. Nur spielte sich hier die Errettung aus der Angst im Boot selbst ab, weil dieser „Petrus“ nicht so impulsiv war, sondern eher zurückhaltend und ängstlich. Diesen Spielraum gibt Bibliodrama, weil es nicht nur die biblische Geschichte ernst nimmt, sondern auch den innerlichen Prozess des Einzelnen. Es wird auch keinerlei Wertung vorgenommen; ein impulsiver „Petrus“ ist nicht besser, als ein zurückhaltend schüchterner. Jeder darf mit dem Prozess, in dem er gerade persönlich steckt, in die Begegnung mit Gottes Wort kommen, das ist das Wundervolle an Bibliodrama. Für den jungen Mann war es die Erfahrung, dass Gott ihm in seiner Angst entgegenkommt. Und wenn er den Mut aufbrachte, sich hilfesuchend nach der Hand Jesu auszustrecken, dann konnte er Rettung erfahren.

Eine erfahrungsbezogene Methode im akademischen Rahmen

Der Fortbildungskurs "Dei Verbum 2005"

Und gegen Ende meiner drei Wochen kam ich dann zur eigentlichen Aufgabe, der Bibliodrama-Einheit im bibelpastoralen Kurs unseres Bibelzentrums. Im sonst eher akademisch geprägten Programm war Bibliodrama schon ein wenig außergewöhnlich. Die 17 TeilnehmerInnen waren etwas verunsichert, als ich sie nach einigen einführenden Erklärungen bat, Stifte und Hefte beiseite zu legen und den Platz in der Mitte des Raumes frei zu machen. Der Text, der uns bei diesem Bibliodrama leitete, war Apostelgeschichte 3,1-10 „Die Heilung eines Gelähmten im Tempel durch Petrus“. In der Vorbereitung konnte jeweils ein freiwilliger Bildhauer mit ausgewählten anderen Mitspielern zu den einzelnen Versen eine lebendige Skulptur formen. In Haltung und Gestik der TeilnehmerInnen gab er seinem inneren Bild von der Szene Gestalt. Dieses wurde von den anderen dann betrachtet und kommentiert.

Nachdem wir auch in Rollen in den nach der Geschichte eingeteilten Raum gegangen waren, bat ich abschließend die TeilnehmerInnen, sich in zwei Reihen gegenüber zu stellen. Die eine Seite lud ich ein, sich in den Gelähmten einzufühlen. Sie sollten auch eine Haltung einnehmen, die deutlich machte, wie und wo sie sich manchmal gelähmt oder in ihrer Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt fühlten. Die andere Seite schwor ich auf den hl. Petrus ein, der voller Glaubensmut war und Jesus Christus verkündete, der die Menschen errettete. Dann sagte ich nur: „Petrus, schau jetzt einmal, was geschieht, wenn du dem Gelähmten vor dir begegnest.“

Es war sehr interessant zuzuschauen, wie jeweils der Gelähmte sein Gebrechen unterschiedlich in einer Körperhaltung zum Ausdruck brachte. Die einzelnen Vertreter in der Petrusrolle versuchten oft zunächst mit Worten den Gelähmten aufzumuntern, beugten sich dann aber ihrem Gegenüber immer deutlicher zu, bis sie ganz behutsam ihre Hand ausstreckten und den Gelähmten, der seine Hand in die ihre gelegt hatte, langsam aufrichteten. Fast bei allen Paaren gab es am Schluss eine Umarmung, bei allen war eine deutliche Freude zu spüren. Der Gelähmte freute sich, dass er geheilt war und Petrus freute sich, dass er im Auftrag Christi Heilung vermitteln durfte. Ganz spontan stimmte die Gruppe hierauf ein Loblied an.

Schnell war die Zeit für mich zu Ende gegangen, doch ich habe mich sehr gefreut, viele Menschen durch Bibliodrama in lebendige Begegnung mit dem Wort Gottes gebracht zu haben. Es war für die TeilnehmerInnen der verschiedenen Seminare eine neue Begegnung und zugleich auch eine sehr lebendige und intensive. Viele haben mich gefragt, wie es weiter geht. Ich hoffe, dass ich bald wieder in den Kongo reisen kann, um dieser Frage eine Antwort folgen zu lassen.

Th. Heck

 

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