Reise ins "Heilige Land"

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Der 11. Mai führte uns Belvoir, Bet Shean (Skythopolis) und Qumran entgegen.

Belvoir   Oben auf dem Kohav HaYarden, einem 530 m hohen Felsplateau an der Westseite der Jordansenke, stehen die restaurierten Ruinen einer der größten Kreuzfahrerburgen des Nahen Ostens. An der Straße von Syrien nach Gaza und Ägypten gelegen, war dies ein strategisch wichtiger Punkt. Die Burg, die überwiegend aus schwarzem Basalt erbaut war und übrigens niemals bezwungen werden konnte, muss einen bedrohlichen Anblick geboten haben.
Auf dem hoch über dem Jordan aufragenden Felsplateau lag vermutlich das biblische Jarmut, die Levitenstadt des Stammes Issachar (Jos 21,29). Zur Zeit des Zweiten Tempels, also im 1. vor- und im 1. nachchristlichen Jh., wurden hier die von Jerusalem ausgehenden Feuersignale weitergeleitet, die den Neumond und die hohen Feste ankündigten. Gleich zu Beginn des jüdischen Aufstandes im Jahre 66 n. Chr. wurde eine hier befindliche Trutzburg der Zeloten von den Römern erobert und zerstört.

1168 kaufte der Johanniterorden das Plateau und baute eine bestehende kleine Burg innerhalb von fünf Jahren zur mächtigsten Festung im Heiligen Land aus. Wegen des herrlichen Ausblicks auf das Jordantal und die transjordanischen Berge hieß die Burg, die als Grenzfeste das christliche Königreich vor Einfällen aus dem Osten zu schützen hatte, fortan Belvoir (Schöne Aussicht).
Nach der Schlacht von Hattin im Jahre 1187 eroberte Saladin alle Kreuzfahrerburgen in Palästina, nur das mächtige Belvoir hielt noch 18 Monate stand. Saladin leitete die Angriffsoperationen in den letzten Monaten persönlich. Er ließ einen Stollen unter den nordöstlichen Hauptturm treiben und brachte ihn dadurch teilweise zum Einsturz.

Aber die Festung blieb uneinnehmbar; erst lange nachdem Jerusalem gefallen und keine Unterstützung durch fränkische Truppen mehr zu erwarten war, gaben die Verteidiger auf. Saladin hatte ihnen sicheren Abzug nach Tyros zugesichert, und so verließen 1189 die letzten 50 Ritter und 400 Soldaten Belvoir. Saladin setzte die Burg sofort wieder instand. Erst 1219, als sich der fünfte Kreuzzug ankündigte, schleiften die Araber die wichtige Feste, damit sie nicht in die Hand der Kreuzfahrer fiele. Als die Christen im Jahre 1240 wieder im Besitz von Belvoir waren, verzichteten sie auf den Wiederaufbau. Belvoir wurde 1966/67 systematisch ausgegraben und bis heute weitgehend restauriert.

Bet Shean   Das "Haus des Shean" (nach einer kanaanitischen Gottheit benannt) wird bereits in alt-ägyptischen Schriften erwähnt. Ägypter, Kanaaniter und Philister beherrschten von hier aus einst den Zugang von der Jesreel-Ebene zum Jordan sowie die uralte Karawanenstraße entlang des Flusses.
Nach der Schlacht von Gilboa (ca. 1004 v. Chr.) stellten die Philister auf seinen Mauern Sauls Leichnam zur Schau und weihten die Rüstung des Königs ihren Göttern (1 Sam 31,10). In jüdischem Besitz war Beth Shean im Verlauf der Geschichte nur selten. Es wurde vielmehr von den Griechen bevorzugt und nach einem Einfall asiatischer Reiterscharen Skythopolis genannt. 
Sprichwörtlich ist die Fruchtbarkeit der Umgebung der Stadt, so dass die Legende hier den Eingang ins Paradies verlegte. Skythopolis besaß früh eine christliche Gemeinde, aus der zahlreiche Heilige der orthodoxen Kirche hervorgingen. Mit dem Arabersturm verfiel die Stadt und noch vor dem Zweiten Weltkrieg war Beisan ein vernachlässigtes arabisches Städtchen mit wenig Einwohnern.

Blick durch die mit Säulen besäumte Palladius Straße auf den Tell Bet Shean. Ursprünglich ist die Straße zur Zeit der Römer erbaut worden, wurde aber zu Beginn der byzantinischen Periode neu gestaltet. Auf dem Tell wurden ca. 20 verschiedene Siedlungsschichten gefunden, von der neolithischen Zeit (5. Jt. v. Chr.) bis zum Mittelalter. Zwischen den Überresten der von einer Mauer umgebenen kanaanitischen Stadt wurden unter anderem fünf kanaanitische Tempel, die einer über den anderen gebaut worden waren, entdeckt.

Im Jahre 749 n. Chr. wurde die Stadt durch ein Erdbeben zerstört; Skythopolis verlor an Bedeutung. Einige der umgefallenen Säulen wurden von den späteren Besiedlern einfach so, wie sie lagen, in neue Häuserbauten integriert.

Hinten im Bild ein mit Nischen strukturiertes Gebäude, auf dem einst Marmorsäulen standen. Es wurde das "zentrale Monument" genannt und befindet sich gegenüber der Talstraße. Der Fußweg führt zur byzantinischen Agora hinab, einem Platz, der von Kolonnaden umgeben als Einkaufszentrum diente. 

Qumran   Auf einem 60 m hohen Plateau am Westufer des Toten Meeres, 33 km nördlich von En Gedi bzw. 20 km südlich von Jericho, haben Archäologen eine klosterähnliche Anlage der Essener Gemeinschaft ausgegraben, die als Ursprungsort der berühmten Schriftrollen von Qumran gilt, der bisher ältesten bekannten Bibelhandschriften.
Wohnbereiche haben die Archäologen nicht gefunden, so dass man sich scheut, Qumran als Kloster zu bezeichnen. Es handelte sich wohl eher um einen heiligen Bezirk, ein Gemeindezentrum, in dem Gläubige ihre rituellen Handlungen durchführten, aber auch heilige Texte verfassten bzw. abschrieben. Die Essener schliefen vermutlich in den nahen Höhlen oder in Zelten. 
Die von einer hohen Mauer umgebene Anlage bestand im wesentlichen aus dem 30 x 37 m großen Hauptgebäude im Osten und einem Nebenbau im Westen. In der Nordwestecke des ursprünglich zweistöckigen Hauptgebäudes erhob sich ein wuchtiger, dreigeschossiger Turm, der den Siedlungseingang zu sichern hatte. Er besaß keinen eigenen Eingang, sondern war nur vom Obergeschoss des Hauptgebäudes aus zu erreichen. Mehrere Feuerstellen in dem Raum östlich des Turmes lassen vermuten, dass sich hier die Küche der Gemeinschaft befand.
3 km südlich von Qumran entspringt die wasserreiche Quelle Ain Feshkha, die das Ufergebiet um Qumran zur Zeit der Essener in eine fruchtbare Oase verwandelte. Nördlich davon legten Archäologen 1958 einen Gutshof frei, der mit großer Sicherheit der Qumrangemeinde unterstand. Neben Feld- und Gartenbau wurde hier auch Viehzucht betrieben, und es war sogar eine Gerberei angeschlossen, in der man das Pergament (dünngespaltene Tierhäute) für die Handschriften herstellte.

Blick über die Ausgrabungen in Richtung Wadi Qumran. Das kreisrunde Gemäuer, über welches der Besuchersteg verläuft, ist eine antike Zisterne; davor liegt eines von mehreren Badebecken mit Treppeneinstieg. Um die rituellen Reinheitsgesetze erfüllen zu können, legte die Qumrangemeinde besonderen Wert auf eine zuverlässige Wasserversorgung. Über einen 700 m langen Aquädukt wurde das winterliche Regenwasser aus einem Seitental des Wadi Qumran in ein Netz von Klärbecken, Zisternen und Badebecken geleitet. Ein großes Wasserreservoir im Wadi sorgte für eine gleichmäßige Wasserzufuhr über das ganze Jahr.

Das Scriptorium. Hier entdeckten die Ausgräber unter herabgestürzten Trümmern Schreibtische aus Lehmziegeln, Tintenfässer, Tonscherben mit Schreibübungen und einen Deckelkrug für die Aufbewahrung von Schriftrollen.

Von der Terrasse südlich der Anlage hat der Besucher eine großartige Aussicht auf die Höhlen 4 und 5 jenseits des tiefen Bergeinschnitts. - Im Sommer 1947 fand ein junger Schafhirt in einer Höhle etwa 1,5 km nördlich von Qumran einen verschlossenen Krug mit alten Bibelhandschriften. Die Entdeckung war eine Sensation, da die Schriften aus dem 1. vorchristlichen Jh. datierten, während alle bis dahin bekannten Bibeltexte rund 1000 Jahre später geschrieben worden waren. Die wichtigste der in Qumran entdeckten Handschriften ist die 7,35 m lange "Jesaja-Rolle von St. Markus", die älteste aller gefundenen Schriftrollen und zugleich das älteste vollständige Manuskript eines Buches der Bibel.

Nachdem Beduinen eine zweite Höhle mit Handschriften entdeckt hatten, beauftragte die jordanische Altertumsverwaltung 1952 eine Forschungsexpedition mit der Untersuchung der näheren Umgebung von Qumran. In der Höhle 3 stießen die Wissenschaftler auf zwei Kupferrollen, die ein Verzeichnis der geheimen Orte enthielten, an denen der Jerusalemer Tempelschatz zu Beginn des ersten jüdischen Aufstandes gegen Rom versteckt worden war. Bis heute konnte allerdings keines der Verstecke, in denen vielleicht noch immer mehr als 200 Tonnen Gold und Silber lagern, identifiziert werden. In der Höhle 4, nahe der Essenersiedlung, kamen mehr als 20.000 Fragmente von rund 400 verschiedenen Handschriften zum Vorschein.
Insgesamt fanden Beduinen und Wissenschaftler elf Höhlen mit mehr oder weniger vollständigen Texten. Leider lassen die vielen Tonscherben, Lederfragmente und Pergamentfetzen darauf schließen, dass die Höhlen schon bald nach der Einlagerung geplündert wurden. So berichtet z. B. Origenes (um 185-253), dass man bei Jericho (Qumran?) einen Krug mit einer Übersetzung der Psalmen gefunden habe. Und der nestorianische Patriarch Timotheus 1. (+ 823) erwähnt den Fund hebräischer Schriften ebenfalls in einer Höhle bei Jericho.

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