Bibel hinterfragt !

Im Zuge der Weiterentwicklung von Wissenschaft und Untersuchungsmethoden muss sich auch die Bibel gefallen lassen, von diesen ohne Vorbehalte durchleuchtet zu werden. Doch bleibt zu bedenken, dass ein Dom wesentlich mehr ist als nur der Haufen Steine, in die er zerlegt werden kann. Der Blick auf das Seziermesser darf den Menschen nicht dazu verleiten, die Bedeutung der Bibel als solcher zu verkennen.

Verlässliche Botschaft?
Mumifizierte Botschaft?
Botschaft ohne Wirkung?
Woher und wozu die Bibel?
Wie entstand das Alte Testament?
Wie entstand das Neue Testament?

 

Verlässliche Botschaft?

Ist auf die Bibel wirklich Verlass? Wer sagt uns, dass der Text der heutigen Bibel wirklich mit dem übereinstimmt, was die Autoren ursprünglich sagen wollten?

Die Fakten

Erst um 1450 wurde von Johannes Gutenberg die Buchdruckkunst erfunden. Über Jahrhunderte also ist die Bibel immer wieder neu von Hand kopiert und abgeschrieben worden. Wie oft wurde sie auch in andere Sprachen übersetzt! Leicht konnten dabei Zeilen vertauscht werden, Abschnitte verloren gehen, sinnverfälschende Schreibfehler sich einschleichen, Blätter verderben.

Von Jesus selbst gibt es kein einziges geschriebenes Wort. Als die ersten Schriften des Neuen Testamentes entstanden, war er bereits 30 Jahre tot bzw. auferstanden. Und zu allem noch: Von keiner biblischen Schrift gibt es ein erhaltenes Original, an dem sich spätere Ausgaben messen ließen.

Elemente einer Antwort

Vom Neuen Testament gibt es über 4000 Textfragmente, die zum Teil bis auf wenige Jahre an die Entstehungszeit heranreichen und alle zusammen - nach gründlicher Auswertung - die Bibelwissenschaft heute in die Lage versetzen, einen gut abgesicherten Bibeltext vorzulegen.

Zwischen 1947 und 1952 wurden in elf Höhlen in der Wüste am Toten Meer die Reste einer uralten Bibliothek gefunden. Nach dem Fundort heißen diese Texte die "Schriften von Qumran". Darunter Abschriften aus allen alttestamentlichen Büchern (mit Ausnahme des Buches Esther), unter anderem einige wichtige Prophetenbücher fast vollständig! Das Alter der Abschriften reicht bis ins 3. vorchristliche Jahrhundert.

Nicht einmal Jesus selbst verfügte für seine Bibelstudien über eine so genaue Textfassung alttestamentlicher Schriften, wie sie heute jedem Bibelleser zur Verfügung steht. Wir können uns heute also mehr als je zuvor darauf verlassen, dass unsere Bibeltexte sehr genau dem entsprechen, was die damaligen biblischen Schriftsteller sagen wollten und niedergeschrieben haben.

 

Das Beispiel des Buches Jesus Sirach

Dieses Buch wurde vermutlich um das Jahr 180 v. Chr. in Jerusalem auf Hebräisch verfasst. Etwa 50 Jahre später übersetzte es ein Enkel des Verfassers für die jüdische Diaspora in Ägypten ins Griechische. Der ursprüngliche hebräische Text ging verloren. Erhalten blieb nur eine Übersetzung ins Syrische und der Text der vom Enkel erstellten griechischen Übersetzung, die eine große Verbreitung fand .

Die junge Kirche nahm das Buch in den Kanon seiner Heiligen Schriften auf. Es war eines der meistgelesenen Bücher der Bibel. Dem Volk gefielen schon immer die einfachen Dinge, die dort erzählt werden. So erhielt das Buch Jesus Sirach auch den Namen Ecclesiasticus; das bedeutet: "was mit der Kirche zu tun hat". Es wurde zum kirchlichen Buch schlechthin. Man übersetzte es schließlich in viele Sprachen und schrieb es viele Male handschriftlich ab, weil es gerne und viel gelesen wurde.

Im Jahr 1896 fand man in der Synagoge von Kairo mehrere Blätter verschiedener Handschriften des hebräischen Originaltextes des Großvaters wieder, wodurch der Vergleich mit der Übersetzung des Enkels möglich wurde. Da war festzustellen, dass der Enkel in seinem Bemühen, ein genaues Bild von der Weisheit seines Großvaters abzugeben, hin und wieder recht frei übersetzt hatte. Auch war es dem Enkel nicht immer gelungen, die gewünschten Begriffe zu finden, um den Text zu übersetzen. Darüber hinaus hatten sich Fehler beim Abschreiben eingeschlichen. Damals, als es weder Druckereien noch Verlage gab, wurde ein Buch kopiert, indem einer den Text diktierte und der andere von Hand ein neues Exemplar schrieb. Ein Moment Unaufmerksamkeit genügte, um Buchstaben auszulassen oder zu verwechseln.

Um den Unterschieden genauer auf die Spur zu kommen, begannen die Exegeten, die verschiedenen alten handschriftlichen Kopien des Buches zu vergleichen. Durch eine peinlich genaue Arbeit gelang es ihnen nach einiger Zeit, exakt zu bestimmen, wie der Text, den der Großvater ursprünglich schrieb, gelautet haben muss; entsprechend auch der Text der Übersetzung des Enkels.

Alles in allem haben die Untersuchungen ergeben, dass die Übersetzung des Enkels trotz kleiner Abweichungen sehr getreu ist. Sie zeigten weiterhin, dass es trotz der Fehler derer, die falsch abschrieben, dennoch in bezug auf über 96 % des Textes Gewissheit gibt. Die weiterhin bestehenden Zweifel betreffen nur weniger wichtige Dinge, die den Sinn nicht ändern und nicht ins Gewicht fallen.

 

Mumifizierte Botschaft?

Was haben diese alten Geschichten noch mit meinem Leben zu tun? Der Katechismus gibt präzisere Anweisungen für die christliche Lebensführung als die Bibel. Oder?

Abgeschlossene Offenbarung?

Jesus Christus ist nach christlicher Überzeugung die Vollendung der biblischen Offenbarungsgeschichte. Er ist die Wahrheit Gottes und des Menschen. In ihm ist Gott dem Menschen auf endgültige Weise nahegekommen. 

Diese Überzeugung hat man in der theologischen Überlieferung dahin ausgelegt, dass man sagte, mit Jesus Christus und mit dem Zeugnis, welches das Neue Testament von ihm gegeben hat, sei die Offenbarung Gottes abgeschlossen. Eine solche Redeweise führt aber oft zu der missverständlichen Annahme, die Offenbarung Gottes sei etwas, was in der Vergangenheit einmal geschehen ist und was man nun in der Bibel nachlesen und schwarz auf weiß nach Hause tragen kann, sozusagen ein fertiges Paket von Informationen, die man in Sätzen formulieren und aufbewahren kann. Jesus Christus gehörte dann der Vergangenheit an. Offenbarung als lebendige Begegnung mit dem nahen Gott gäbe es nicht mehr. Und in der Kirche ginge es nicht um aktuelle Offenbarung, sondern in erster Linie um eine exakte Bewahrung, Auslegung und Mitteilung von wahren Sätzen.

Wahre Sätze, Bekenntnisse und Lehräußerungen haben zwar ihre Bedeutung, sind aber von sich aus noch lange keine lebendige Offenbarung Gottes. Sonst müsste ja jeder, der aufmerksam einen Katechismus liest oder die Bibel studiert, logischerweise zum Glauben kommen; das ist aber keineswegs der Fall. Jesus offenbarte Gott nicht dadurch, dass er wahre Sätze abschließend mitteilte, sondern indem er die befreiende und sinnstiftende Nähe Gottes lebte, in seinen Krafttaten (Wundern) bezeugte und durch sein Dasein den Menschen nahe brachte. Denen, die sich auf ihn einließen, denen wurde er zur Offenbarung. Diese Offenbarung und die in ihr erfahrene Nähe Gottes lässt sich nicht in Worten und Sätzen einfach weiterreichen.

Aus dem Zeugnis wird erneut Offenbarung

Jedoch kann in Worten Zeugnis über Offenbarung als erlebte Begegnung mit Jesus Christus abgelegt werden. So ist das Neue Testament entstanden, als das Zeugnis der frühen christlichen Gemeinden von dem, was sie in und durch Jesus Christus erfahren haben. Was aber muss geschehen, damit über das Zeugnis von Offenbarung hinaus, das in der Bibel zu uns gelangt ist, auch wir selbst Offenbarung erfahren, wir dem lebendigen Gott begegnen können? Wie kann es geschehen, dass der in Jesus Christus offenbar gewordene nahe Gott auch uns heute nahe kommt, dass er uns sinnerfülltes Leben eröffnet?

Der nahe Gott muss auch uns in Menschen begegnen, in Menschen, die aus der in Jesus Christus offenbar gewordenen Nähe Gottes leben, so dass andere diese liebende göttliche Sorge erfahren können. Denken wir nur an einige bedeutende Menschen: An Johannes XXIII., der aus einem unerschütterlichen Optimismus des Glaubens heraus in der Kirche einen neuen Aufbruch wagte und dadurch vielen Menschen zur Hoffnung wurde. Oder an Martin Luther King, der sich von den "gesellschaftlichen Realitäten" nicht unterkriegen ließ, sondern, im Vertrauen auf den Gott, der Neues schafft und der befreit, fest an eine bessere Zukunft für seine Leidensbrüder glaubte und dafür sein Leben einsetzte. Oder denken wir an Mutter Teresa, die ganz für die Ärmsten der Armen, die Hungernden und Sterbenden auf den Straßen von Kalkutta da war. Denken wir aber auch an die Christen in unserem alltäglichen Leben, die uns vielleicht durch ihre Art, zu dienen, zu leben oder auch zu sterben, etwas erfahren lassen von der Nähe Gottes in Jesus Christus.

Heute Offenbarung erleben

Offenbarung Gottes geschieht also auch heute, vermittelt durch das Zeugnis von Menschen, die durch ihr Leben auf die erfahrene Nähe Gottes antworten. Sie ist besonders gegenwärtig in der Gemeinschaft derer, die ihr Leben bestimmen lassen von Jesus Christus, in der Gemeinschaft der Glaubenden, im Leben der Kirche. Die Offenbarung Gottes wird weitergegeben in einem lebendigen Strom gelebten Lebens, immer wieder erneuert und entfacht aus den uns von den ersten Zeugen überlieferten Schriften. Mit Jesus Christus fing es an. In ihm erfuhren Menschen den nahen Gott. Das veränderte ihr Leben. Das machte sie zu neuen Menschen. Das führte sie zusammen zu einer neuen Gemeinschaft. Sie begannen zu leben, zu glauben, zu hoffen und zu lieben wie er. Ja, Jesus Christus lebte in ihnen. Dadurch wurden auch sie wieder für andere Menschen zur befreienden und sinngebenden Offenbarung der Nähe Gottes. Und ihre Gemeinschaft wurde zum Zeichen dieser Nähe - und kann es auch heute noch sein.

Offenbarung ist also etwas zutiefst Lebendiges, das sich nicht einfach in Buchstaben festhalten lässt. Das geschriebene Wort Gottes für sich allein bewirkt noch nichts, es sei denn seine Botschaft trifft auf offene Ohren, auf Mund und Hände, die bereit sind, Antwort zu geben. Wenn Menschen sich anrühren lassen von der Nähe Gottes, die im Wort Gottes bezeugt ist und die sie in christlichem Leben anderer erfahren, dann wird aus dem geschriebenen Zeugnis der Nähe Gottes wieder neu Leben zeugende Offenbarung.

 

Botschaft ohne Wirkung?

Ist die Bibel nicht ein gewöhnliches Buch unter anderen? Wodurch lässt sich die angeblich besondere Bedeutung für die Menschen erweisen?

Rekordverdächtig

Die Bibel ist der Bestseller - das meistaufgelegte und verkaufte Buch - überhaupt, aller Zeiten, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart und vermutlich auch in der Zukunft. Außerdem ist sie das am meisten übersetzte Buch aller Zeiten. Ich habe noch niemanden gefunden, der auch nur annähernd richtig geraten hätte, in wie viele Sprachen oder Dialekte die Bibel oder wenigstens Teile von ihr übersetzt worden sind. Wenn Sie an ein paar Hundert Sprachen denken, sind Sie noch weit von der Wirklichkeit entfernt. Es sind bis heute sage und schreibe 2261 Sprachen oder Dialekte, in die die Heilige Schrift übersetzt wurde. Das gehört eigentlich in das Guinessbuch der Rekorde.

Da gibt es noch zwei andere erstaunliche Dinge! Die Bibel ist in einem Zeitraum von 1000 Jahren entstanden. Die ältesten Teile wurden in der späten Salomozeit, also um 940 oder 930 v. Chr. geschrieben; sie sind heute in die 5 Bücher Mose eingearbeitet. Die letzten Bücher des Neuen Testamentes waren wohl das Johannesevangelium und die Offenbarung des Johannes, die um das Jahr 100 n. Chr. oder etwas später entstanden sind. Es ist also tatsächlich wahr: Die Bibel wurde in einem tausendjährigen Zeitraum verfasst, von mehreren Hundert Verfassern - die genaue Zahl kennen wir natürlich nicht. Auch das ist einmalig und rekordverdächtig; das gibt es bei keinem andern Buch der Welt.

Faszinierend

Wenige Texte in der Weltliteratur haben eine solche Faszination und Wirkung auf den Menschen ausgeübt wie die Bibel. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte vom "Barmherzigen Samariter" (Lk 10,25-37), die eine tiefe Spur in der Menschheitsgeschichte hinterlassen hat. Der Samariter wurde zum Symbol der christlichen Liebe. Er opfert sich nicht für den, der unter die Räuber gefallen ist, aber er nimmt ein Opfer auf sich, um ihm zu helfen, bis er wieder auf eigenen Füßen stehen kann.

Aus der Entwicklungshilfepolitik der vergangenen Jahrzehnte stammt der Ausdruck "Hilfe zur Selbsthilfe". In ihm ist genau das getroffen, was der Samariter tat. In den neunzehn Jahrhunderten dazwischen haben die Christen in der Nachfolge des Samariters in vielen Gestalten in der Welt neue Akzente gesetzt, um Leid zu lindern. Sie sind in medizinische und diakonische Berufe gegangen, um im Kampf gegen das Leiden in vorderster Front zu stehen. Dabei waren sie sich dessen bewusst, dass das Leid in dieser Welt zwar nicht aufgehoben werden kann, dass man vor ihm aber auch nicht kapitulieren darf - wegen des Samariters, in dessen Gestalt viele Jesus selbst sahen. 

Leiden erträglicher zu machen, "Sympathie" - das heißt "Mit-Leiden" - zu versuchen, das sahen viele als ihre vornehmste Aufgabe an. Und dieses Bemühen wurde und wird von vielen angenommen, die weder den Samariter noch den in ihm verborgenen Herrn kennen.

 

Woher und wozu die Bibel?

Hat Gott sich selbst als Schriftsteller betätigt? Sind die Texte nicht für unsere heutige Zeit unrelevant, weil hoffnungslos veraltet?

Gottes Botschaft im Mantel von Menschenwort

Juden und Christen glauben, dass die Bibel das Wort Gottes enthält, freilich nicht pur oder chemisch rein. In diesem Punkt unterscheiden sie sich von den Muslimen. Die Muslime glauben nämlich, dass Gott selbst im Himmel das Heilige Buch, den Koran, verfasst hat, und zwar Wort für Wort bis auf Punkt und Komma. Wir nennen das in der theologischen Fachsprache Verbalinspiration. Gott übergab dann, so nach muslimischem Glauben, dieses fertige Buch dem Erzengel Gabriel, der es dem Propheten Mohammed diktierte. Streng genommen müsste man deshalb den Propheten eigentlich einen Sekretär nennen, weil er ein fertiges Buch niedergeschrieben hat.

Juden und Christen glauben hingegen, dass die Bibel zwar das Wort Gottes enthält, aber im Menschenwort, sozusagen eingebunden, eingewickelt in das Wort von Menschen. Wie haben wir uns das zu denken? Nehmen wir irgend einen Propheten aus der Geschichte Israels. Er schaut sich die Situation seines Volkes an, wie sie ist; aus seiner innigen Verbindung mit Gott erhält er nun einen Impuls, was er denn nun den Menschen, dem König, der Priesterschaft und anderen sagen solle, aber eben nicht Wort für Wort, sondern als Impuls. Diesen Impuls trägt er mit sich herum und formuliert nun das, was er zu verkündigen hat, mit eigenen Worten. Das heißt Gotteswort im Menschenwort! Das hat schließlich zur Folge, dass jeder biblische Schriftsteller seinen eigenen Stil entwickelt hat. Und genau das macht den faszinierenden Reichtum der Bibel aus!

Der Inhalt des Buches

Die Geschichte Gottes mit den Menschen hat mit Abraham begonnen; ihn setzen wir heute ungefähr 1500 oder 1600 v. Chr. an. Im Verlauf von Abraham bis Jesus, also in einem Zeitraum von 1500 Jahren oder mehr, haben Menschen immer wieder Erfahrungen mit Gott gemacht. Diese Erfahrungen sind in der Bibel niedergelegt und bezeugt.

Man könnte die Heilige Schrift also schriftgewordene Erfahrungen von Menschen mit Gott nennen. Zwar sind die äußeren Verhältnisse in der biblischen Zeit ganz andere gewesen, als dies heute der Fall ist. Aber die Lebenssituationen von Menschen sind die gleichen geblieben. Wenn jemand sich mit der Heiligen Schrift beschäftigt, wird er in diesem Buch sich selbst entdecken und seine Lebenssituationen, die sich im Verlauf eines Lebens ja immer wieder ändern. Er versteht sich selbst und gewinnt aus dem Wort Gottes der Bibel Deutung seines Lebens und Lebensweisung sowie Lebensrichtung. Es lohnt sich also, sich mit der Bibel sehr intensiv zu beschäftigen.

 

Wie entstand das Alte Testament?

Soll die Bibel vom Himmel gefallen sein? Hat sie ein Engel direkt in das Ohr eines Schreibers diktiert?

Die geschichtlichen Hintergründe

Dem Auf und Ab der Heilsgeschichte Gottes mit seinem "auserwählten Volk" entspricht der oft verschlungene und komplexe Entstehungsprozess der Schriften des Alten Testaments, die bezeugen, dass Gott den mit den Vorfahren und Patriarchen geschlossenen Bund gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends am Berg Sinai bestätigt und erneuert hat. Mose organisierte um 1250 vor Christus den Auszug der Israeliten aus Ägypten, die mit weiteren semitischen Nomadenstämmen ins heutige Palästina vordrangen und dort von den Königen David und Salomon zwischen 1000 und 931 vor Christus zu einem Volk vereint wurden, das auf einem kleinen Territorium seine Existenz begründete.

Im Glauben daran, dass Israels Schicksal eng mit der Führung Gottes zusammenhänge, begannen Schriftgelehrte und Theologen nach 800 vor Christus auf der Basis meist mündlicher Überlieferungen und Mythen, die Geschichte ihres Volkes im Kontext der Weltgeschichte von der Schöpfung bis zur Staatswerdung zu interpretieren und aufzuschreiben. Auch schriftliche Vorlagen wie etwa die Zehn Gebote, die möglicherweise auf Mose zurückgehen, Rechtsformeln, liturgische Texte wie Gebete und Psalmen, Weisheitssprüche und profane Dichtungen, wie etwa das Hohelied, fanden Eingang in die hebräische Bibel. Ein Copyright kannte die damalige Literatur nicht. Immer wieder aktualisierten und überarbeiteten spätere Autoren diese Aufzeichnungen. Auf Redaktionslinien und Quellen weist etwa hin, dass sich im ersten Buch der Bibel zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte finden. Aber auch die Tatsache, dass Gott im hebräischen Text einmal als "Jahwe", ein andermal als "Elohim" bezeichnet wird.

Propheten mahnen zur Umkehr

Das Leben in den Monarchien Juda und Israel verführte zur Oberflächlichkeit und zum Glaubensabfall. Um 760 vor Christus warnt Amos sein Volk vor einem Strafgericht Gottes. Weitere Propheten, unter ihnen Jesaja und Jeremia, rufen zur Umkehr. 586 vor Christus erobert die neue Großmacht Babylon Jerusalem, zerstört den Tempel und verschleppt die Elite des Südreiches Juda für 50 Jahre ins Exil. In der Verbannung wecken wiederum Propheten die Hoffnung auf Rückkehr. Der Bedeutendste unter ihnen war Ezechiel. Nach dem Ende des Exils 538 vor Christus werden vor allem die Propheten Nehemia und Esra zu Wiederbegründern des jüdischen Volkes und seiner Glaubenstradition. Auf diese Männer und ihre Schüler geht die Fixierung der Schriften der Propheten zurück.

Wichtige Teile der heutigen hebräischen Bibel haben um 600 vor Christus bereits bestanden, wurden aber unter den Babyloniern zerstört oder in alle Winde zerstreut. Zwischen 500 und 200 vor Christus rekonstruierten jüdische Schriftgelehrte die Vorlage und ergänzten sie um Texte aus ihrer Zeit. Erst in dieser nachexilischen Zeit wurde die Bibel allmählich als göttlich inspirierte "Heilige Schrift" angesehen. Sie besteht aus drei Teilen: den "Fünf Büchern des Gesetzes", den "Propheten" und den "Schriften". Ab 300 vor Christus beginnt die Zusammenstellung der anerkannten Texte, die sogenannte Kanonisierung der hebräischen Bibel. Ein Prozess, der im Diaspora-Judentum teilweise andere Ergebnisse zeitigte und sich letztlich bis 100 nach Christus hinzog.

Schlussgedanke

Die Entstehung der Bibel hat also einen ganz konkret menschlichen und geschichtlich greifbaren Hintergrund, aus dem sie hervorgeht und in den hinein ihre Autoren, aus der Begegnung mit Gott heraus, unablässig rufen: "Gott steht auf der Seite des Menschen, trotz seiner Schwächen und Fehler, trotz Widrigkeiten und erfahrenem Unheil. Gott lässt nicht ab von seinem Geschöpf, bis er mit ihm und für ihn das unvergängliche und unverletzliche Heil begründet haben wird."

 

Wie entstand das Neue Testament?

Aus welcher Zeit stammen die Schriften des Neuen Testaments? Handelt es sich nicht nur um schön erfundene Geschichten, gegen die aber jede Realität spricht?

Der geschichtliche Hergang

Jesus sammelte um sich einen Kreis von Vertrauten, Freunden, Schülern und Zeugen. Aus ihrer Mitte wählte er Jünger und Apostel. Sie sandte er in alle Welt, bis an die Grenzen der Erde, um Zeugnis zu geben für die Wahrheit (vgl. Mk 16,15). Ihnen schenkte er seinen Geist als Beistand, der sie in alle Wahrheit einführen würde. Dieser Geist verwandelte die Menschen. Erst die Apostel und die Jünger und dann immer mehr Menschen wurden von der Kraft Gottes erfasst, begeistert (Apg 2): sie erkennen und bekennen. Sie beten und predigen. Sie trösten und machen Mut. Sie lehren und hören, meditieren und diskutieren. Sie lesen  und interpretieren die Schriften des Alten Bundes, in denen Gott selbst die Menschen behutsam auf Christus vorbereitet hatte.

Die Apostel, Jünger und Zeugen von Jesus wussten sich gesandt und vom Hl. Geist "getrieben", möglichst vielen Leuten von Jesus zu erzählen; da war noch kein Gedanke daran zu verlieren, etwas schriftlich niederzulegen. Die ersten Gemeinden entstanden. Man traf sich zum Gottesdienst und zum Liebesmahl; Kranke waren zu versorgen, Kinder zu erziehen; den Nachbarn und interessierten Neugierigen musste man Fragen beantworten, kurz und bündig erklären, was man glaubte und warum. 

Die Schrift und die Überlieferung der Kirche

Die Christen wollten "allezeit Rechenschaft geben über die Hoffnung, die in ihnen war" (1 Petr 3,17). Das, was von Anfang an geglaubt, als Glaube gelebt und weitergegeben wurde, nennen wir Überlieferung. Fast von selbst verfestigte sich dieses Zeugnis zunächst zu mündlichen Formen und Formeln. Unter Antrieb und Führung des Heiligen Geistes kristallisierte sich allmählich aus diesem lebendigen Glauben, gleichsam als schriftlicher "Niederschlag", die Sammlung von Glaubenszeugnissen heraus, die wir das Neue Testament nennen. In und mit der jungen Kirche sowie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes ist es entstanden.

Die HI. Schrift ist das erste und zugleich grundlegende "Dogma" (Glaubenssatz) der Kirche. Allerdings hat sich nicht alles, was in der jungen Kirche - unter dem Beistand des Geistes Jesu - geglaubt und verkündet wurde, in den Schriften niedergeschlagen. Anderes ist in der lebendigen Überlieferung der Kirche bewahrt worden. Die Kirche kann aber ohne die Schrift schlechterdings nicht überleben. Beide - Kirche und Schrift - haben ein Eigenleben und können dennoch ohne einander nicht sein.

Die Schriften des Alten Testaments

Das Alte Testament, die Sammlung der heiligen Schriften des jüdischen Volkes, spielte in der Kirche von Anfang an eine große Rolle. Ohne Zögern übernahmen die ersten Christen die alten Schriften. Sie betrachteten sie als ihr Testament. Sie sahen sich als das neue Israel, das wahre Volk Gottes. Vor allem: Die alten Schriften sind auf Jesus Christus hingeordnet. Dieser allerdings stand ganz im Mittelpunkt. So wichtig man auch das Alte Testament nahm: es war "nur" das alte, das inzwischen erfüllt und weitergeführt wurde. Das Alte Testament, das schließlich von der Kirche als ihr Erbe übernommen wurde, unterscheidet sich daher auch von dem Buch der Juden. (In der "kirchlichen Fassung" finden sich Bücher, die im jüdischen Kanon fehlen und umgekehrt.)

Die Schriften des Neuen Testaments

Schriften und Briefe. Darüber hinaus entstanden allmählich neue Lieder, Gebete, Lobeshymnen, erste Glaubensbekenntnisse und Kurzformeln des Glaubens. Je weiter man sich im Laufe der Zeit und im Zug der Ausbreitung von den ursprünglichen Ereignissen entfernte, um so schwerer wurde es, Augen- und Ohrenzeugen zu finden. So begann man, Wichtiges und Wissenswertes niederzuschreiben und zu sammeln. Vieles davon ist allerdings wieder verlorengegangen.

Einige Briefe des Paulus zählen zu den ältesten Schriften des Neuen Testamentes. Die Sammlung seiner Briefe und der anderer Autoren bilden einen großen Block. Zwischen den ersten Briefen (um 50) und den letzten (z. B. Timotheus-, Titus- und Petrusbriefe um 90-100) liegen 50 Jahre Lebensgeschichte der jungen Kirche. Die Autoren berichten kaum aus dem Leben Jesu, sondern setzen es voraus. Sie deuten und vertiefen, mahnen und trösten. In manchen Briefen (Korinther, Timotheus, Judas) setzen sich die Absender mit Irrlehren auseinander, die die angeschriebenen Gemeinden bedrohen. In anderen geht es um Fragen der Gemeindeordnung (z. B. Korinther), um Fragen des christlichen Lebens (Jakobus) und auch der Lehre (Hebräerbrief).

Die Evangelien

Markus, Begleiter des Paulus auf seiner ersten Missionsreise, verfasst als erster einen zusammenhängenden Bericht, etwa um das Jahr 67. Er selbst hat Jesus nicht kennen gelernt. Sein Wissen hat er aus der Predigt des Paulus. Diesen Bericht nennt er "Evangelium": frohe Botschaft, gute Nachricht, freudige Proklamation. Die Wahl dieses Namens kündet ein Programm an: Markus geht es nicht um ein historisches Protokoll, sondern um missionarische Verkündigung. Er will einladen, verändern, bewegen, die Menschen zu einer Entscheidung für Christus bringen. Das prägt selbstverständlich den Stil und den Inhalt dieser Schrift.

In gewisser Weise ähnelt der Charakter der Evangelien einer Werbeschrift. Sie haben etwas "Plakatives" an sich. Sie vereinfachen, stellen das Wesentliche heraus, sie appellieren an den Leser, wollen ihn bewegen. Sie holen den Zuschauer dort ab, wo er steht: bei seinen Fragen, Anliegen und Bedürfnissen. Sie sprechen seine Sprache. Hier liegt der Grund, warum sich die vier Evangelien voneinander zum Teil unterscheiden.

Matthäus schreibt sein Evangelium anfangs der siebziger Jahre, wenig später Lukas das seine. Beide legen dabei die Markusfassung zugrunde und ergänzen sie durch eigene Kenntnisse und gezielte Benutzung bereits vorliegender schriftlicher Sammlungen.

Im letzten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts schließlich entsteht das "jüngste", das Evangelium des Johannes. Dieser Schrift merkt man an, dass viele Jahre des Nachdenkens und der theologischen Reflexion vorangegangen sind. Es ist gewachsen aus intensiver und meditativer Verarbeitung des Glaubens. Vielen erscheint es daher auch als das "schwierigste" Evangelium. Es nimmt eine gewisse Sonderrolle gegenüber den ersten drei ein, die wegen ihrer weitgehenden inhaltlichen und formalen Ähnlichkeit auch die "synoptischen" Evangelien genannt werden (Synopsis = Zusammensicht).

Apostelgeschichte und Apokalypse

Nur kurz nach seinem Evangelium schrieb Lukas um das Jahr 80 ein zweites Buch. Er schildert in diesem Bericht die Ausbreitung der jungen Kirche bis zum damaligen Mittelpunkt der Welt, Rom. Auffallend ist hier die herausragende Bedeutung des Hl. Geistes bei den in dieser "Apostelgeschichte" geschilderten Ereignissen. Er ist es, der die Kirche lenkt und führt.

Kurz vor der Jahrhundertwende hat sich die Lage dagegen verändert. Der Glaubenseifer in den blühenden jungen Kirchen Kleinasiens droht zu erlahmen. Die neue Religion gerät in Konflikt mit der herrschenden Staatsideologie. Die ersten Verfolgungen setzen ein. Das erste Märtyrerblut fließt. Verzweiflung und Glaubensnot bedrängen die Christen. Für diese Menschen ist die "Apokalypse" (Geheime Offenbarung) geschrieben. Sie will trösten und stärken. Aus der Sicht des Glaubens heraus erkennt der Autor, dass Jesus Christus am Ende den Sieg davontragen wird. Der "Seher Johannes" ist kein Hellseher oder Wahrsager, sondern Seelsorger. Aus der Apokalypse Aussagen über den Verlauf der Geschichte oder gar das Ende der Welt herauslesen zu wollen, wäre unbiblisch.

Schlussgedanke

Die Schriften des Neuen Testaments stehen und fallen mit der Person Jesu Christi. Dass er gelebt und am Kreuz hingerichtet wurde, das sind jedenfalls historisch gesicherte Daten. Ob der Rest für einen Menschen schöne Legende bleibt oder zur "guten Nachricht" wird, die sein Leben mit Freude und Hoffnung erfüllt, das liegt daran, ob er sich mit kritischer Distanz außen vor hält, oder ob er den Mut hat, sich - vielleicht auch nur einmal probeweise - in seiner Lebensgestaltung auf die ein oder andere Aussage einzulassen. Wie wär's zum Beispiel mit dieser: Jakobus 1, 19-21 oder 1 Timotheus 6, 6-10.

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