Bibel abgeklopft !

Geben wir es zu: Die Bibel gibt sich manchmal als ziemlich harter Brocken. Es gibt genug Schwierigkeiten, die uns daran hindern können, den Reichtum des Wortes Gottes für unser Leben zu vernehmen. - Würden wir aber, um einen verborgenen Schatz aufzufinden, nicht bereit sein, viel Mühe und Arbeit auf uns zu nehmen?

Widersprüche und Ungereimtheiten

Der Anspruch ist zu hoch, das schaff' ich nicht
Keine Lust, die Bibel zu lesen

 

Widersprüche und Ungereimtheiten

Was soll man am Ende von der Bibel glauben? Sie ist so unüberschaubar. Manche Aussagen scheinen sich zu widersprechen.

Jedem sein Wort

Eine Gruppe von vierzig jungen Leuten wurde beauftragt, jeder solle das biblische Wort aufschreiben, das für ihn zu einer entscheidenden Hilfe im Glauben geworden ist. Zehn Minuten später wurden die Antworten vorgelesen: es waren vierzig verschiedene Bibelstellen. Dem einen half ein Psalmvers weiter, für einen andern war eine Stelle aus dem Lukasevangelium entscheidend; da waren's Prophetenworte, Paulus traf wunde Stellen, Erlebnisse der Apostel machten Mut, Gleichnisse erhellten Zusammenhänge. Auch Vätergeschichten aus dem Alten Testament und Bilder aus dem letzten Buch der Bibel wurden als Grundsteine des eigenen Glaubens benannt.

Seit dieser Zusammenkunft bin ich mir der Vielfalt und Unterschiedlichkeit des biblischen Zeugnisses sehr viel bewusster. Worte der Bibel, die für den einen fremd sind, ermöglichen dem anderen ein frohes Gottvertrauen. Das ist der Grund, warum sich die Bibel einer eindimensionalen Ausmessung entzieht. So verschieden die Hörer der Gottesbotschaft, so unterschiedlich sind auch die Zeugen und Verkündiger der Bibel. Gott hat sie nicht nach seinen Standards genormt, damit ein einheitliches Bild herauskäme. Alle aber, sind vom Geist Gottes inspiriert, sie geben ihre Glaubensschau und -erfahrung weiter (1 Petr 1,21). Dabei widersprechen sie einander nicht, sondern verfolgen in ihrer ergänzenden Vielfältigkeit die eine Aufgabe: die Liebe Gottes bekannt zu machen.

Bibel bleibt eine Herausforderung

Wenn man auch an einzelnen Stellen Ungereimtheiten entdeckt oder über manchen Vers drüberschreiben möchte: "unglaublich", so gibt das biblische Wort in seiner Gesamtheit dennoch unbeirrt Zeugnis vom Vater, der unablässig auf dich wartet (Lk 15,11-32). Er will, dass keiner verloren geht (Joh 3,16). Niemand erwartet von dir, dass du die biblischen Geschichten bedenkenlos für wahr hältst und deine Fragen mit einer Art frommem Gewand erstickst. Auf der anderen Seite kann man aber auch das Hinterfragen und die Anwendung wissenschaftlicher Methoden so weit treiben, dass man plötzlich die Zusage, "Gott liebt dich", nicht mehr sieht.

Es ist erlaubt, ja erwünscht, zu grübeln, zu fragen, zu bohren und zu zweifeln. Mehr als ein Buch fertiger Wahrheiten ist die Bibel eine Herausforderung an den Leser, das Leben mit seinen Spannungen und Widersprüchlichkeiten wahrzunehmen. Ich selbst bete beim Bibellesen immer wieder: "Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben" (Mk 9,24). So hat Jesus mich durch alle Fragen hindurch dahin geführt, dass ich mit Paulus sage kann: "Nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes" (Röm 8,31-39).

vgl. Eugen.Reiser

 

Der Anspruch ist zu hoch, das schaff' ich nicht

Ist die Bibel nicht eine totale Überforderung? Ihre Gebote erscheinen mir oft wie ein unerreichbares Idealbild, das mich nur noch mehr im Schatten stehen lässt.

Die Sache mit der Hose

Ich erinnere mich daran, dass ich einmal zum Geburtstag eine schicke Hose geschenkt bekam. Natürlich habe ich sie sofort angezogen und mich stolz meinen eingeladenen Freunden präsentiert. Dann gingen wir nach draußen zu einem spannenden Geländespiel. Als ich über einen Graben schreiten wollte, passierte es: ich rutschte aus und fiel in das schlammige Wasser.

Mit einem Mal fiel mir wieder ein, wie mich meine Mutter noch am Morgen ermahnt hatte: "Zieh zum Spielen ja nicht die neue Hose an." Doch nun war es zu spät. Irgendwie musste ich versuchen, die Hose zu waschen, denn so konnte ich wirklich nicht unter die Augen der Mutter treten. Allerdings führten meine Reinigungsversuche nur dazu, dass es am Ende noch schlimmer kam: Das Dreckwasser, in dem ich die Hose wusch, sorgte für eine neue Farbe. Zum Trocknen hängte ich die Hose über einen Ast, der sie zusätzlich mit klebrigen Harzspuren versah.

Diese missglückte Reinigung wird mir heute zum Gleichnis für ein Gottesbild, das ständig zu überfordern scheint und nicht mit der Barmherzigkeit rechnet. Ich kann die Bibel als moralisches Gesetzbuch missverstehen und meinen, ich dürfte Gott erst dann unter die Augen treten, wenn ich alle Gebote vollkommen erfüllt hätte, wenn ich ganz sauber und rein wäre. Doch gerade meine Versuche, mich selbst zu reinigen, entfernen mich nur noch weiter von ihm. Ich mache alles nur noch schlimmer; und das Heimkommen wird schwerer.

Bibel macht Mut

Wie wenig gelingt es uns manchmal, wirklich nach dem Willen Gottes in unserem Tun zu suchen und danach zu handeln. Das macht unseren Vater im Himmel nicht fröhlich, aber er bleibt unter der Türe stehen und wartet, bis wir heimkommen; mehr noch: er läuft uns entgegen. Das ist eine wichtige Botschaft, die uns in der Heiligen Schrift überliefert ist (siehe Lk 15,11-32). Sie kann uns von einem überfordernden und entmutigenden Gottesbild heilen. 

Manchmal ist mir mein Versagen sehr peinlich und ich schäme mich; ich komme mir vor wie ein Wiederholungstäter ohne Besserungschancen. Das ist genau der Punkt, an dem sich so leicht eine entmutigte Gleichgültigkeit breit macht. Ich möchte vor Gott fehlerlos dastehen; ich bemühe mich, wieder und wieder alles recht zu machen und scheitere doch. Gewiss, es ist schlimm, wenn wir Gott beleidigen mit unserem Versagen, aber weit schlimmer ist es, wenn wir nur noch das Versagen sehen und die Flinte ins Korn werfen. Dass wir ausrutschen, ist nicht so schlimm. Schlimm ist, wenn wir liegen bleiben oder gar meinen, wir dürften so nicht mehr nach Hause kommen. 

In zahlreichen biblischen Schicksalen erfahren wir, wie Menschen gegen Gott gesündigt haben. Aber sie verzweifeln nicht an sich selbst und ihrer Schuld, sie rufen zu Gott und schreien in ihrer Not. Sie bekennen ihr Unrecht, das sie getan haben und bereuen es. Und wir erfahren, wie Gott ihnen vergibt und wie er ihnen neues Leben schenkt (siehe Ps 51). Die Bibel will uns Mut machen. Sie will uns nicht überfordern, sondern Stück für Stück aufbauen. Sie erinnert uns immer wieder daran, dass wir einen Vater haben, der auf uns wartet. Was hinter uns liegt, wirft er uns nicht vor. Er geht mit uns weiter nach vorne.

vgl. Eugen.Reiser

 

Keine Lust, die Bibel zu lesen

Warum sich die Mühe machen, regelmäßig in der Bibel zu lesen? Lohnt sich das überhaupt?

Lustverlust

Selbst bei bestem Willen geht einem manchmal die Lust auf das Lesen in der Bibel verloren. Die Bibel selbst berichtet uns davon, dass auch die Israeliten oft genug Mühe hatten, sich an das Gesetz zu halten. Sie brauchten immer wieder einen Menschen, der sie zu Gott und seinem Wort zurückrief. In diesen Stunden gelobten sie Treue, doch schon ein paar Tage später wandten sie sich wieder anderen Dingen zu, die sie für wichtiger erachteten.

Lust habe ich meistens zu den Dingen, die mir wichtig sind. Dafür habe ich dann auch Zeit. So umschrieben, könnte das Problem auch heißen: Momentan bin ich in keiner frommen Stimmung. Ich habe kein Verlangen nach der Bibel und nach Gott. Denn es geht ja nicht nur ums Bibellesen. Mein Interesse an der Bibel hängt immer zusammen mit meiner Beziehung zu Gott. Deshalb kannst du dich einmal so fragen: Wie stehe ich zu Gott? Wie wichtig ist mir Jesus? Will ich ihn kennen lernen und deshalb auf die Bibel hören?

Spannend: Ein Brief vom Freund

Der Brief eines lieben Freundes, einer lieben Freundin ist dir doch auch wichtig; so wird es sein mit der Bibel, wenn du Jesus als Freund entdeckst und erlebst. Du kommst dann weg vom Zwang. Es wird nicht mehr eine mühevolle Pflichterfüllung sein, sondern du bist gespannt, was Jesus dir Neues sagen will. Und vor allem: du willst auf ihn hören, weil du zu ihm gehörst, weil du ihn liebst.

Hilfen sind für mich auch: - Eine feste Zeit im Tagesablauf einplanen; dann muss ich mich nicht jeden Tag neu entscheiden und die Zeit neu organisieren. - Der Dank an Gott, weil es nicht selbstverständlich ist, dass er mich anspricht. - Ein Tagebuch; bei mir ist es ein einfaches Heft. Dort hinein schreibe ich meine Gedanken: das, was ich denke oder was ich ihm sagen will. Dort stehen meine Dankgebete, aber auch all die Dinge, mit denen ich nur schwer zurechtkomme. - Mir hilft folgender Einstieg: "Herr, zeige mir, was du mir mit diesem Text sagen willst". Das kann ich dann aufschreiben und bedenken. - Bilder eröffnen mir oft einen neuen Zugang zur Bibel. - Ich singe Lieder, und zwar gerade dann, wenn ich keine Worte zum Gebet finde.

Die Erfahrung zeigt, gerade wenn ich mich nicht nur von meinem Wollen oder Nicht-Wollen leiten lasse, sondern dranbleibe am Bibellesen, gerade dann erschließen sich mir die geheimnisvollen Reichtümer des Wortes Gottes. Geduld und Ausdauer, die man hierbei lernt, sind auch sonst im Leben ungeheuer wichtige Helfer, die mich in so mancher Situation weiterbringen.

vgl. Rosemarie.Pfister

 

Seitenanfang