Bibel überwunden ?

Unsere hochentwickelte und technisierte Zivilisationsform scheint sich nicht zu vertragen mit der antiquierten Bibel, die uns Geschichten erzählt aus längst vergangenen Tagen. Können wir dieses Buch getrost vergessen? Gehört es zu einem Entwicklungsstadium des Menschen, das wir schon hinter uns gelassen haben?

Bibel: Eine Erfindung von Menschen?
Hören die Christen das Gras wachsen?
Bibel: Überholt und widerlegt?

Die Kritiker gehen, die Bibel bleibt

        

Bibel: Eine Erfindung von Menschen?

Haben Menschen lediglich aus ihren religiösen Gefühlen heraus die Bücher der Heiligen Schrift geschrieben? Handelt es sich also um einen Roman begabter Autoren?

Die Bibel erweist selbst ihre Echtheit

Die Bibel trägt in sich selbst die Evidenz, dass das unmöglich ist. Vor allem deshalb, weil in ihr der Mensch mit seinen Planungen und Gelüsten gegen den Strich gebürstet wird. Israel wird immer wieder aufgefordert, gerade das zu tun, was es vermeiden möchte. Nur der Weg des Gehorsams und des Vertrauens gegenüber Gott und seinen Geboten, so mahnt die Schrift, ist der Weg zu Entfaltung, Frieden und Sicherheit. 

Wenn andere Religionen von sterbenden und wiederauferstehenden Göttern reden, so hat doch keine einen mit Grausamkeit und Verhöhnung gekreuzigten Gott, der zudem ein bestimmter Mensch war. Die glaubenden Jünger hatten selbst Mühe genug, mit Kreuz und Auferstehung Jesu fertig zu werden. Wer hätte aus eigener Überlegung heraus auf solche, dem menschlichen Geist so fernliegende Gedanken kommen können? "Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit..." (1 Kor 1,22f).

Welcher Mensch hätte die "dichterische Inspiration" gehabt, Jesu Bergpredigt oder die Worte seiner Eucharistie-Einsetzung zu erfinden, die Bekehrung Pauli zu schildern und die daraus sich ergebenden Schicksale und Briefe des Mannes glaubhaft zu machen? Die Schrift hat eine Evidenz ihrer Wahrheit in sich selbst, der man nur dadurch entgehen kann, dass man sie ignoriert und ihr den Rücken kehrt.

Die evangelische Geschichte soll eine Erfindung sein? mein Freund, so erfindet man nicht. Und die Taten des Sokrates, die niemand bezweifelt, sind nicht so beglaubigt, wie die Taten Jesu. Das Siegel der Wahrheit, welches das Evangelium trägt, ist so groß, so überraschend, so unnachahmlich, dass der Erfinder größer wäre als sein Held.    (Jean-Jacques Rousseau, Philosoph und Literat, +1778)

Die Herausforderung bleibt

Doch auch dann verliert sie ihre Eindringlichkeit, ihren Charakter als "Sauerteig" in der Menschheit, nicht. Kann Marx nicht als ein typischer Jude interpretiert werden, der, da der Messias nicht endlich kommt, das messianische Reich selber aufbauen will? Hat Gandhi seinen gewaltlosen Widerstand - bei allen indischen Vorstufen - nicht auch aus der Bergpredigt gelernt? "Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war" (Mt 13,33), und zwar, ob es will oder nicht.

Seit Jesus gibt es im Grunde nichts anderes mehr als ein Ja oder ein Nein zu Ihm.

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Hören die Christen das Gras wachsen?

Übertreiben die Bibelanhänger nicht etwas, wenn sie sagen, dass in diesem Buch Gott zu den Menschen spricht? Geht es nicht eher, wie in vielen anderen Büchern auch, um menschliche Weisheiten?

Die Bibel und andere heilige Schriften

Die Christen glauben von der Bibel, dass Gott selbst darin spricht. In deutlicher Unterscheidung hierzu sind die Weisheitsbücher der Menschen und die Schriften nichtbiblischer Religionen1 zu sehen. In diesen hat ein außergewöhnlicher, erleuchteter, inspirierter Mensch einen "Weg" gefunden, wie man über den banalen Alltag zur Tiefe des Ab-soluten (d.h. von der "Welt" Abgelösten), des Ur-Grunds, des über alles Seiende Erhabenen gelangen kann. Sokrates, Platon, Buddha, Laotse... Dazu ist "Verzicht" (Askese) und "Erhebung" (Ekstase) oder "Versenkung" erfordert. Die Weisheitsbücher der Menschheit sind aufgezeigte Wege, aufsteigend von der Welt zur göttlichen Überwelt, vom Sagbaren zum Unsagbaren, das man vielleicht in einer Entrückung berühren oder erleben kann.

In der Bibel hingegen ist es vor allem Gott, der die Initiative ergreift. Er spricht von sich aus Menschen an, gibt Gebote, geht einen Bund ein, verlangt Gehorsam, führt, hilft und rettet. Gott erwählt sich Menschen, damit sie unerschrocken das verkünden, was sie aus ihrer innigen Verbundenheit mit ihm heraus als Botschaft für die Zeitgenossen hören: "So spricht der Herr...".

Begegnen wir im Alten Testament den Propheten als Sprechern Gottes, so tritt im Neuen Testament der Schreinersohn Jesus aus Nazaret auf und nimmt unbegreiflicherweise das gewaltige "Ich" Gottes für sich in Anspruch. "Man hat euch gesagt, Ich aber sage euch..." "Meine Worte sind Geist und Leben." "Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt." Seine Verwandten halten ihn für wahnsinnig. Die Volksführer sehen in ihm einen Gotteslästerer und bringen ihn schließlich um, trotz seiner großartigen und doch zugleich demütigen Worte und Taten. Gleichwohl hat er nie gesagt: Ich bin Gott. Er hat nur Gott seinen Vater genannt und sich als von ihm gesendet und beglaubigt bezeichnet. Er spricht im Namen seines Vaters, ja er ist die leib-haftige Stimme dieses Vaters.

Wie kann Gott zu und durch Menschen reden?

Das ist rätselhaft: Gott redet zu den Menschen durch Menschen. Aber wie könnten die Menschen ihn überhaupt anders verstehen? Zweierlei ist zu bedenken: Gott ist nicht aufteilbar; er ist immer ganz Er selbst und größer als alles, was er erschaffen hat (vgl. Sir 43,27f). Deshalb stehen alle Geschöpfe - mit ihrer geschenkten Freiheit - letztlich in seinem Dienst. Auch wenn sie unvollkommen sind, keineswegs allwissend, vielfach beschränkt, sie können sein vollkommenes Wirken und Sprechen nicht stören. Es kann in der Bibel manches zeitlich Bedingte geben, dies hindert Gott jedoch nicht daran, sich darin auszudrücken. 

Das Zweite ist, dass Gott sich auf dem Höhepunkt seiner Selbstoffenbarung in Jesus Christus ohne Hindernis, genau und endgültig ausgesprochen hat: In Christus erfahren wir das Innerste Gottes: Ungeschuldete, sich verschenkende Liebe. Alle seine übrigen Eigenschaften entströmen diesem seinem Wesen; auch seine Weisheit, seine Gerechtigkeit, seine Allmacht usw. 

Genaugenommen können wir sogar sagen: Gerade wegen der menschlichen Begrenztheit und Schuldhaftigkeit hat sich die Liebe Gottes in Jesus Christus bis zum Letzten gezeigt; eine Liebe, die nicht aufrechnet, die keine Vorleistung fordert, die auch dann noch liebt, wenn der Mensch hassenswert ist, die vergibt, was menschlich gesehen nicht zu vergeben ist. Daran wird deutlich, selbst wenn der Mensch versucht, das Wirken Gottes zu behindern, selbst wenn er ihn festnageln, mundtot machen und aus der Welt schaffen will, er wird ungewollt zum Geburtshelfer der größeren Offenbarung von Gottes Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit. 

Das gilt dann nicht nur für die Ereignisse um Jesus Christus, von denen uns die Bibel berichtet, sondern auch für die Bibel selbst. Die menschliche Unzulänglichkeit, die kulturelle und historische Geprägtheit der Verfasser, die uns in der Bibel ihre persönliche oder die kollektive Glaubenserfahrung des Volkes schriftlich weitergeben, können Gott nicht daran hindern, sich allen denen kundzutun, die Ohren haben zu hören. 

1 Biblische Religionen sind das Judentum, das Christentum und weitgehend der von der Bibel stark inspirierte Islam. Sodann gibt es eine nicht genaue feststellbare Ausstrahlung der Bibel in den Bereich anderer Religionen; es ist z.B.: möglich, dass das schönste indische Buch, die Bhagavadgita, nicht ohne biblische Einflüsse entstanden ist.

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Bibel: überholt und widerlegt?

Ist eigentlich nicht schon längst bewiesen, dass die Bibel unrecht hat? Wozu sich noch länger mit diesem Schinken beschäftigen?

Ist die Naturwissenschaft der richtige Maßstab?

Die Bibel ist kein Buch über Kosmologie, kein Traktat über Weltgeschichte, über Psychologie oder sonst eine weltliche Wissenschaft. Es kann, weltlich gesehen, in ihr Sagen, historische Ungenauigkeiten, auch Zeitbedingtes geben: Das hindert nicht, dass Gott sich darin völlig souverän und ungehindert ausdrücken kann.

Jesus, der das Wort des Vaters ist, hat selbst nichts Schriftliches hinterlassen, denn das Wort ist unendlich größer als alles, was in Buchstaben fassbar ist. Deshalb muss der göttliche Geist das auslegen, was über den Sohn und den Vater in Buchstaben niedergelegt worden ist. Wenn Menschen nun in der Schrift einzelne Begrenztheiten finden und entsprechende Fragen stellen (z.B.: Hat der Turmbau zu Babel, so wie geschildert, wirklich stattgefunden?), dann sollen sie sich lieber fragen: Was will Gott mir mit dieser Erzählung sagen? Mit der veränderten Fragerichtung gebe ich der Bibel die Chance, selbst durch vielleicht historisch nicht verifizierbare Schilderung hindurch, mein Leben auf die eigentliche Glaubensanfrage und Botschaft hin zu öffnen (z.B.: Inwieweit trage ich zu gestörter Kommunikation und zu Zerwürfnis unter den Menschen bei, wenn mein Sprechen anders ist als mein Fühlen und Denken?). Es geht der Bibel nie darum, naturwissenschaftliche Fakten zu übermitteln; vielmehr will sie den Leser durch ihre Erzählungen und Geschichten immer wieder neu herausfordern, über sein Leben, seine Beziehung zu Menschen und zu Gott nachzudenken, damit er den heilvollen Weg findet.

"Eine Geschichte ist die kürzeste Entfernung zwischen einem Menschen und der Wahrheit."    (Anthony de Mello)

Vier verschiedene Berichte über das eine Leben Jesu?

Was Christus betrifft, so ist es bezeichnend, dass er, das Wort Gottes schlechthin, von Menschenworten nicht einfach eingefangen werden kann: Vier verschiedene Evangelien nähern sich ihm in Menschenworten von verschiedenen Seiten aus, so wie man eine Statue umschreiten muss, um sie recht zu sehen, aus jeder Perspektive offenbart sie wieder neue Aspekte. Es gibt auch ein Nachdenken der ersten Kirchengeneration über sein Geheimnis, den Sinn seiner Menschwerdung, seines Lebens, Sterbens und Auferstehens: Fortschreitend erschließen sich immer neue, tiefere Zusammenhänge, auch davon zeugt die Vielfalt der Schrift.

Man wird ferner feststellen, dass die Aussagen über Jesus, ja seine eigenen Worte, an die sich die Verfasser der Schriften erinnern, aus verschiedenen Zeiten stammen können. Die einen kommen aus der Zeit, da Jesus selber geredet hat, die aber die Zuhörer nur unvollkommen verstanden, weil das volle Verständnis ihnen erst von Ostern und Pfingsten her aufgehen konnte. Andere sind eben aus diesem späteren Verständnis heraus wiedergegeben, brauchen aber deswegen nicht als "gefälscht" oder übermalt zu gelten. Gerade hier wird man sich daran erinnern, dass letztlich nur der Heilige Geist Gottes das rechte Verständnis geben kann, damit aus den vielen Facetten ein einheitliches, höchst lebendiges Bild von Jesus, dem Wort des Vaters, entsteht.

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Die Kritiker gehen, die Bibel bleibt

Unzählige Generationen haben die Bibel geliebt, gehasst, verehrt und verflucht. 

Nicht kaputt zu kriegen

Das meistgelesene Buch der Menschheit, meistbewunderte, meistgeschmähte, aber trotz Verboten überall verlangte und heimlich eingeschleuste. Jeder seiner Sätze und Buchstaben hundertmal verdächtigt, kritisiert, relativiert. Und doch, obschon es eigentlich gar kein Buch ist, sondern ein Sammelband von zweiundsiebzig ganz verschiedenen Schriften - Urweltsagen, Gesetzesbücher, Historien, Liebeslieder, Klagen gegen Gott, Lebensweisheiten, Strafpredigten, Briefe, Visionen -, steht es immer wieder geschlossen da wie ein eherner Block. Eine hundertmal geschleifte und doch uneinnehmbare Festung.

Es steht wehrlos vor jedem, der es "historisch-kritisch" zerpflücken will. Die wechselnden Theorien wandern an ihm vorüber, während es stehen bleibt. "Himmel und Erde werden vergehen, Meine Worte werden nicht vergehen" (Mt 24,25). Welche Anmaßung, menschlichem Empfinden nach, welche Verführungskraft! Immer wieder werden Generationen der ewig gleichen Worte überdrüssig, aber ihre Kinder greifen wieder gierig, neugierig danach, bilden Bibelkreise und fangen wieder darüber zu meditieren an. Wer redet denn da so unüberhörbar?

Einzigartige Bibel

Dieses Buch steht in der Weltgeschichte völlig einsam, abgeschieden, unvergleichbar da. Deshalb sind die Menschen auch immer wieder versucht, es wegzuwerfen, denn es ist unmenschlich, unerträglich, es müsste eingestampft werden. Man kann es auf zwei Arten loswerden: Entweder indem man es als das gefährlichste Buch verbietet, oder indem man es als überholt hinstellt, es in den Säuren "historischer Kritik" aufzulösen versucht oder es in Massenmedien, wie z.B. in bestimmten Jesusfilmen, lächerlich macht. Auch wenn einige Christen dann protestieren, so scheint doch die Menge ihren perversen, obszönen Genuss haben zu wollen. Im Grunde handelt es sich hier um eine Projektion; ich projiziere mein Verlangen, meine Lust auf Jesus, um so die unerträgliche Herausforderung, die er für mein Leben darstellt, zu entschärfen. Aus dem Jesus, der nicht von dieser Welt ist, wird nachträglich ein weltlicher Jesus gemacht.

Aus Jesu Fürbitte für die Jünger: "Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin." (Joh 17,14 ; vgl. Joh 3,31; Joh 15,18f; )

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Verwendete Literatur:

Hans Urs von Balthasar. Die Heilige Schrift. Reihe: Antwort des Glaubens, Nr. 39. Freiburg, Informationszentrum Berufe der Kirche (Hg.), 1986.

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