Bibel angetastet ?

Vielfach ist von Privatoffenbarungen und von Botschaften von Heiligen oder von Jesus selbst zu hören. Braucht die Bibel also eine Ergänzung, muss einiges in ihr aktualisiert oder gar korrigiert werden? Auf der anderen Seite: Kann nicht auch die unbändige Neugier und die Sehnsucht nach Spektakulärem der menschlichen Phantasie einen Streich spielen?

Privatoffenbarungen in Konkurrenz zur Bibel?

        

Privatoffenbarungen in Konkurrenz zur Bibel?

Wie sind "Offenbarungen" an einzelne Menschen in unserer Zeit zu beurteilen im Verhältnis zur Heiligen Schrift? Kann man die Botschaften unbesehen annehmen? Sind sie als Einbildung abzutun?

Neue "Offenbarungen"

Es scheint sich in jüngerer Zeit eine neue Weltreligion zu etablieren, die allerdings weder eine feste Institution darstellt, noch einen Gründer hat oder von einem speziellen Lehrer geleitet wird. Sie kann vielmehr beschrieben werden als ein Netzwerk mit einem bestimmten Gottes-, Menschen- und Weltbild: Nicht ein persönlicher Gott, sondern die universelle Liebe, die universelle Weisheit, eine höchste Intelligenz, die von bestimmten Wesenheiten (z.B. einem Schutzgeist, den aufgestiegenen Meistern, dem kosmischen Gedächtnis...) unterstützt werden, stehen im Zentrum. 

Viele Gläubige der christlichen Kirchen werden dadurch verunsichert, weil Elemente und Begriffe aus ihrer Tradition hergenommen, nun aber in neuen Zusammenhängen umgedeutet werden. Die sich von traditionellen Gottesbildern lösende Lehre kann als eine neue Form der Religionskritik gedeutet werden, und wir tun gut daran, sie nicht einfach zu ignorieren, sondern von christlicher Seite her darüber nachzudenken, wie wir es mit der Offenbarung eines persönlichen Gottes halten. 

Leben wir den Dialog mit Gott, die Vollform der personalen Gottesbeziehung, die gleichsam den Unterschied zu den modernen Privat- bzw. Neu-"offenbarungen" darstellt? Oder streben wir ein autonomes Gottesverhältnis an, bei dem wir nur das glauben und praktizieren, was Hilfe und Nutzen verspricht, und dabei um die Autonomie des Menschen kreisen?

Zusätzliche "Evangelien"

Um das Jahr 1900 sind mehrere verschiedene "Evangelien" entstanden, so z.B. das Wassermann-Evangelium, das davon berichtet, dass die Bibel nicht vollständig sei, da unter anderem von der Kindheit Jesu nichts berichtet wird. Das Wassermann-Evangelium weiß angeblich davon, dass Jesus in der Zeit zwischen seinem 12. und 30. Lebensjahr in Indien war, sich die dortige Weltanschauung zu Eigen gemacht hat, aus Sehnsucht nach seiner Mutter allerdings wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist und auf diese Weise eine östliche Botschaft mitgebracht hat.

Andere Privatoffenbarungen sind durch direkte Diktierungen zustande gekommen. So haben in den 1950er Jahren Botschaften von Engeln, Pflanzen, Elfen usw. einen regelrechten Boom erlebt. Die Gruppe der Raelianer z.B. geht davon aus, dass ihr Gründer Rael Offenbarungen von den "Elohim"1 erhalten habe, wobei - und damit steht Rael in einer Reihe mit zahlreichen anderen Neu-"offenbarern" - diese Elohim Außerirdische sind, die auch die Bibel und die Kirche als das Werk Außerirdischer darstellen.

Neben diesen Personen und Gruppen, die sich eindeutig außerhalb der Kirche befinden, gibt es aber ebenso im christlichen Bereich sogenannte Privatoffenbarungen. Oftmals handelt es sich dabei um Drohbotschaften - verbunden mit der Aufforderung zu einer radikalen Bekehrung und dem Hinweis auf die Endschlacht von Harmagedon2, in der man sich nur durch bestimmte religiöse Praktiken und Anschauungen retten könne. Das Gottesbild solcher Privatoffenbarungen zeigt Gott häufig nicht als barmherzigen und liebenden Gott, sondern als rücksichtlosen Richter.

1 Elohim ist ein Abstrakt-Plural von "El", eine der ältesten und verbreitetsten semitischen Bezeichnungen für Gott. Elohim ist der Inbegriff umfassender göttlicher Macht und entspricht unserem Begriff "Gottheit".

2 Ein Ort, an dem sich nach Offb 16,16 die Herrscher der ganzen Welt zum letzten Krieg sammeln. Diese hebr. Bezeichnung ist vermutlich die Verbindung des hebr. har: "Berg" mit Megiddo. Megiddo ist die berühmte Burg am Rande der Ebene Jesreel, die den Pass durch den Karmel überwachte. Hier wurden so viele Kämpfe ausgetragen, in denen mehrere israelitische Könige umgekommen sind (z.B. Joschija), dass der Name zum Symbol für Schlachten bzw. für die Katastrophe wurde (vgl. Sach 12,11).

Botschaften der Mutter Gottes

Im vergangenen Jahrhundert haben sich auch Erscheinungen der Mutter Gottes, bei denen sie zum Teil Botschaften gibt, gehäuft. Es ist wohl eine Interpretation der Zeit und der Angst, dass manchmal davon ausgegangen wird, die Situation der Welt werde dramatischer und Maria spreche deshalb immer deutlicher zu uns. Tatsache ist, dass durch solche Marienerscheinungen das Glaubensleben im Alltag auch intensiviert und am Ort der Erscheinung Hilfe und Trost gefunden wird.

Im Umgang mit Privatoffenbarungen müssen allerdings einige Kriterien beachtet werden: Echte Offenbarungen können keine angstmachenden Drohbotschaften enthalten (wie es zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas der Fall ist). Auch gilt es zu überprüfen, ob jene Personen, die Privatoffenbarungen empfangen (sollen), ein Charisma haben. Erwecken sie den Eindruck, durch die von ihnen für sich beanspruchte Seher- oder Hörergabe selbst an Ansehen gewinnen zu wollen oder lassen sie sich als Instrument des Herrn von ihm in Dienst nehmen? Ein Charisma ist nie für jemanden selbst, sondern stets zum Aufbau der Gemeinde gegeben (vgl. 1 Kor 14,1-25, v.a. Vers 12). Es gilt weiterhin zu beobachten, ob eine bestimmte Privatoffenbarung als Kommentar zur Bibel oder aber die Bibel als Kommentar zur Privatoffenbarung gelesen werden kann.

In seinem Wort hat Gott alles gesagt

"Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn" (Hebr 1,1-2). Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist das vollkommene, unübertreffbare, eingeborene Wort des Vaters. In ihm sagt der Vater alles, und es wird kein anderes Wort geben als dieses. "Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit" (Dei Verbum 4).

Der christliche Glaube kann keine "Offenbarungen" annehmen, die vorgeben, die Offenbarung, die in Christus vollendet ist, zu übertreffen oder zu berichtigen, wie das bei gewissen nichtchristlichen Religionen und oft auch bei gewissen neueren Sekten der Fall ist, die auf solchen "Offenbarungen" gründen.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es aber immer wieder Privatoffenbarungen, von denen einige durch die kirchliche Autorität anerkannt wurden. Sie gehören jedoch nicht zum Glaubensgut. Sie sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi zu "vervollkommnen" oder zu "vervollständigen", sondern sie wollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben. Im Geist der Unterscheidung ist es den Gläubigen unter Leitung des Lehramtes der Kirche aufgegeben, wahrzunehmen, was in solchen Offenbarungen ein echter Ruf Christi oder seiner Heiligen an die Kirche ist.

Die Offenbarung ist in Jesus Christus zu ihrer unüberbietbaren Fülle gelangt, und dennoch ist ihr Inhalt noch nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach die ganze Tragweite zu erfassen.

Abschließende Bemerkung

Von christlicher Sicht aus kann es bei den Privatoffenbarungen nicht in erster Linie um den Inhalt gehen. Denn, würden spektakuläre Aussagen gemacht, die nicht mit der Bibel in Deckung zu bringen sind, so würden diese sich selbst als unecht erweisen. Das Anliegen der Botschaften kann allgemein gedeutet werden als eine immer wieder neue Aufforderung zu entschiedenem Leben aus genuin christlichem Geist, wozu sie ein wirklicher Ansporn sein können. Wer sich allerdings das Wort der Heiligen Schrift zu Herzen nimmt und sich treu und redlich müht, danach zu leben, dem mangelt nichts, wenn er die Privatoffenbarungen nicht kennt.

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Verwendete Literatur:

Bericht über einen Vortrag von Prof. Michael Fuss in Bozen, Sonntagsblatt der Diözese Bozen-Brixen, Nr. 6, 15. 2. 2004: 8.

Dei Verbum (Konzilsdokument) in: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler (Hgg.). Kleines Konzilskompendium. Freiburg i. Br., Herder, 211989: 369.

Katechismus der Kath. Kirche. München, R. Oldenbourg Verlag, - Libreria Editrice Vaticana 2003: Art. 65-67.

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