Die Schriftstellen richtig einsetzen

Wenn die Bibel hier auch als Medikament dargestellt wird, so geht es nicht darum, einzelne Schriftstellen wie eine Pille darzureichen, die es nur zu schlucken gilt, und aller Not wäre abgeholfen. Die Bibel ist mehr als eine Apotheke, in der man für jedes Wehwehchen eine passende Medizin erhält. Ist die Medizin eingenommen und die Not gelindert, geht man an der Apotheke vorbei, als gäbe es sie nicht.

Die Bibel ist ein Lebensbuch, das den Menschen in allen Phasen seines Seins begleiten und ihm vor allem in seiner Beziehung zu Gott den Weg weisen will. Die Heilige Schrift ist das Zeugnis sehr vieler verschiedener Menschen, die auf der Suche nach Gott waren und die dabei ihre Höhen und Tiefen erlebt haben. Die angesprochenen menschlichen Erfahrungen sind so vielgestaltig und aktuell wie eh und je: Freude über die Geburt eines Kindes, Entrüstung über Ungerechtigkeit, Angst vor Krieg und Not, Schwierigkeiten in der partnerschaftlichen Beziehung, Genuss eines köstlichen Essens usw.

Menschen der Bibel haben das durchlebt, was auch wir durchleben. Wir können sie als Ratgeber befragen, uns ein Wort des Trostes zusprechen lassen, uns von ihrem positiven Beispiel ermutigen oder aber von ihrem negativen Beispiel warnen lassen. Indem wir uns in unserer Situation auf die Hl. Schrift einlassen, begegnen wir Gott selbst, der uns durch das Wort eines Propheten oder des Apostels Paulus eine Brücke bauen will über den Abgrund, der sich gähnend vor uns auftut.

Es lässt sich jedoch fragen, inwieweit das, was ich in der Bibel über Israel, König David, Paulus oder Jesus lese, auf mich übertragbar ist. Es ist Vorsicht geboten: Die Bibel will nie ein fertiges Rezeptbuch sein - ein Tiefkühlprodukt, das aufgewärmt direkt verspeist werden könnte! Die Bibel will vielmehr zu neuer Perspektive einladen, will herausfordern und vor allem zum Gespräch mit Gott führen. Das ist ein Prozess, der nicht vom Zaun gebrochen werden kann, der Zeit und vor allem Gottes Gnade braucht.

Wenn wir in Jesus Christus sind, dann sind wir Gottes geliebte Kinder. Jesus stellt die Menschen, die auf ihn hören, in eine neue Gottesbeziehung hinein (Joh 15,15): "Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe." Insofern können wir gläubig und freudig für uns persönlich annehmen, was Gott der Vater zu seinem Sohn in der Taufe sagt (Mk 1,11): "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Entsprechend gilt natürlich: "Du bist meine geliebte Tochter".

In Jesus Christus gilt für uns alles, was ihm, dem Sohn Gottes zugesagt ist. Dazu sagt Jesus (Joh 14,21): "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." Es geht hier allerdings nicht um eine Belohnung für Superchristen, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Es geht vielmehr um eine lebendige Sehnsucht nach Erlösung, das Offensein für den neuen Weg, der sich in Christus eröffnet.

   Meine Empfehlung:

Wichtig ist es, den angegebenen Bibeltext nicht als fertiges Urteil für meine jetzige Situation aufzufassen. Ich kann aber - zunächst mit gesunder Distanz - von diesem Text her mit Gott ins Gespräch kommen.

Dazu einige Anregungen als Hilfe:

Besondere Hinweise zu Psalmen:

In den Psalmen wird sehr häufig von "Feinden, Frevlern, Bösen" gesprochen. Damit müssen nicht immer reale Personen gemeint sein. Ich könnte darunter eine auf mir liegende Last, Sorgen, meine Traurigkeit, ein Unglück, das mich getroffen hat, verstehen. Das erlaubt mir, mit diesen dunklen Mächten ins Gespräch zu kommen, meine Gefühle ihnen gegenüber auszudrücken und mich so auch ein Stück von ihnen zu distanzieren.

Und wenn der Psalmbeter dem Feind buchstäblich "die Pest an den Hals wünscht", dann ist daran zu denken, dass es besser ist, seine Aggressionen ins Wort zu bringen und sie Gott entgegenzuschleudern, als sie unkanalisiert in mein Denken und Handeln fließen zu lassen. In der Bitte an Gott, dass er die Feinde vernichten möge, erkenne ich seine Autorität als alleinigen Richter an und greife nicht selbst zu den Waffen. Für den Christen ist dabei allerdings deutlich, dass Gott weit barmherziger und liebender ist, als er selbst es nachvollziehen kann. Gott liebt die, die mir das Leben schwer machen, genauso wie mich; er wird meine Bitte so wenden, dass es allen Parteien zum Heil gereicht.

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