Liturgische Rufe der Hl. Messe

Bedeutung der Liturgie
"Der Herr sei mit Euch!"
"Erhebet die Herzen!"
"Geheimnis des Glaubens!"
"Seht das Lamm Gottes!"
"Gehet hin in Frieden!"

 

Bedeutung der Liturgie

Liturgie ist wesentlich die Unterbrechung des Alltags durch die Feier. Ihr Geheimnis erfassen wir nur, wenn wir die Feier der Liturgie als geschenkte Zeit annehmen. In ihr dürfen wir innehalten und aufatmen vor Gott. Liturgie füllt die Zeit im besonders gestalteten Raum der Kirche mit Hören, Beten und Singen, mit Instrumentalmusik und Stille, mit rituellen Vollzügen, mit sinnlichen Eindrücken etwa von Wasser, Licht und Weihrauch. Damit holt sie den Menschen aus der Geschäftigkeit und den Zwängen der übrigen Zeit heraus und vollzieht an ihm durch die Hinführung zur Mitte einen wertvollen Dienst. Die Liturgie dient uns Menschen, damit wir Gott und einander dienen.

Im tiefsten ist Liturgie die Feier unserer Erlösung. Sie ist Feier - nicht unserer selbst, sondern der Königsherrschaft Gottes, der will, dass alle Menschen gerettet werden. Dazu hat er seinen Sohn in die Welt gesandt, der das Evangelium Gottes verkündete in Wort und Tat, der Gottes Liebe bis in den Tod am Kreuz hinein zu den Menschen brachte und durch seine Auferstehung Sünde und Tod besiegte. Das feiern wir in jedem Gottesdienst, besonders in der hl. Messe. Dabei sind wir die vom Herrn Eingeladenen.

Mit unserem Gottesdienst antworten wir also im Grunde auf den Dienst, den Gott uns in Jesus Christus zuerst erwiesen hat. Von ihm her ist ein Leben möglich, das wir uns nicht selbst geben können, das aber auch kein Mensch uns nehmen kann. Solcher Glaube ist alles andere als selbstverständlich. Wir brauchen Zeiten und gestaltete Räume, die in uns lebendig werden lassen, was Gott in seiner Liebe an uns getan hat und die uns in Kontakt bringen mit dem Geheimnis seiner Gegenwart mitten unter uns. Wir brauchen heilige Zeichen, in denen wir Gott in der Gemeinschaft der Glaubenden bewusst und ausdrücklich in Dank und Freude antworten können. Liturgie ist ein kostbarer Schatz, von dem sich zehren lässt, ohne dass er aufgezehrt würde.

Im Mittelpunkt aller Liturgie steht das Mysterium von Tod und Auferstehung Christi. Darin ist Raum für jede menschliche Erfahrung. Unser ganzes Sein wird in das österliche Geheimnis mit hinein genommen. Unser Leben mit seinen vielfältigen irdischen Nöten, Ängsten aber auch Freuden erfährt neuen Sinn, wenn durch die Feier der Liturgie erahnbar wird, dass Christus an unserer Seite steht, dass er mit uns leidet und für uns stirbt, dass wir mit ihm sterben, um zu erlöstem Leben aufzustehen.

Zugleich bleibt die Liturgie bei diesem Leben nicht stehen, sondern reißt uns den verhangenen Himmel auf, ähnlich wie bei den Jüngern auf dem Berg der Verklärung. Sie bringt die Erde mit dem Himmel in Berührung, so dass wir in Wort, Musik und Stille, in Symbolen und Gesten einen Vorgeschmack auf das Leben bei Gott bekommen. Im Kirchenraum, der in seiner ganzen Symbolik über uns hinaus weist, nehmen wir als Liturgie-Feiernde auch an der himmlischen Liturgie teil. "Heilig, heilig, heilig, Herr aller Mächte und Gewalten" rufen wir und stimmen damit ein in den Lobgesang der Engel und Heiligen und rühmen mit ihnen den Erlöser, unseren Herrn Jesus Christus. So bringt Liturgie unser Herz zum Brennen und bereitet uns zur Sendung in die Welt.

Nach dem Hirtenwort der Deutschen Bischofskonferenz zum Christkönigssonntag (23. 11. 03).

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"Der Herr sei mit Euch!"

Viermal begrüßt der Priester die Gemeinde mit diesem Ruf: Zu Beginn des Gottesdienstes, vor der Verkündigung des Evangeliums, am Anfang des Eucharistischen Hochgebets und vor dem Schlusssegen. Jedes Mal erinnert uns der Gruß daran, dass der Herr unter uns zugegen ist, und zwar auf vierfache Weise. 

Er ist gegenwärtig in der Versammlung der Gläubigen. Zum Gottesdienst zusammenkommen bedeutet mehr als Zusammenschluss einer Gruppe mit gleicher Überzeugung oder Zielsetzung. Der Christ weiß sich durch Glaube und Taufe eingefügt in eine heilige Körperschaft, er ist Glied am Leib Christi, der das Haupt ist. Er ist lebendiger Baustein am heiligen Tempel Gottes, der Kirche, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten.

Der Herr ist gegenwärtig in seinem Wort, das der Gemeinde verkündigt wird. Der Christ bezeichnet die Bibel als Heilige Schrift; für ihn ist sie mehr als menschliches Erzeugnis und Produkt religiöser Literatur. Hier begegnet er dem verwandelnden, mächtigen, sinngebenden und Gehorsam fordernden göttlichen Wort, ja, dem Herrn selbst, der sich an dieses Wort gebunden und in diesem Wort ausgesprochen hat.

Der Herr ist unter uns im heiligen Altarsakrament. Wenn wir in der Messe das heilige Brot empfangen, dann ist das mehr als ein Symbol für menschliche Gemeinschaft, mehr als ein Zeichen der Gemeinschaft mit Gott. Hier wird Gemeinschaft nicht bloß bezeichnet, sondern bewirkt. Hier wird nicht nur auf Christus hingewiesen, hier ist er selbst gegenwärtig. Hier erinnern wir uns nicht bloß an ihn, hier ist er bei uns.

Schließlich ist der Herr unter uns in der Person des Priesters. Ihn braucht die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde nicht nur, weil eben jede Versammlung ihren Leiter braucht. Er hat nicht einfach die Funktion eines Vorsitzenden oder Präsidenten, sondern er repräsentiert Christus. Ihm ist daher die Verkündigung des Wortes und die Spendung der Sakramente anvertraut.

Wenn aber der Herr auf diese Weise mit uns und unter uns ist - in der Gemeinschaft der Gläubigen, in seinem Wort, im Sakrament und in der Person des Priesters -, dann müssen wir fragen: Sind wir mit ihm? Ist in uns wirklich die Bereitschaft vorhanden, dem Herrn zu begegnen? Dass Jesus Christus wirklich gegenwärtig ist, sagt noch nicht, ob wir auch bereit sind, uns ihm anzuvertrauen. Wenn der Herr sagt: „Seht, ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb 3, 20), dann ist dies ein unüberhörbarer Appell an unsere Bereitschaft und Offenheit. Deshalb mahnt uns der liturgische Gruß „Der Herr sei mit euch", in der Gemeinschaft der Christen Christus selbst zu sehen, das Wort des Evangeliums als göttliches Wort anzunehmen, in der heiligen Kommunion den lebendigen und lebenspendenden Herrn zu empfangen, ohne den alles menschliche Tun letztlich vergänglich, vergeblich und sinnlos bleibt.    Bi. Fr. Hengsbach

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Ansprache:

Ich habe euch begrüßt mit dem „Der Herr sei mit euch!“, und ihr habt den Gruß erwidert. Dieser Gruß, den wir in unsere Liturgie übernommen haben, kommt häufig in den Paulusbriefen vor; aber was bedeutet er?

Er will uns aufmerksam machen auf die Realität Gottes, der unter den Menschen wohnt. Der Wechselruf lädt ein, uns mit allen Dimensionen unseres Lebens zu öffnen, denn ER – der Herr – will uns jetzt begegnen. Es ist ein segnendes und ein in Erinnerung rufendes Wort. Segnend, denn wir wünschen uns gegenseitig, dass der Herr in unsrer Mitte sei; in Erinnerung rufend, denn er ist schon da.

Die liturgische Antwort lautet: „Und mit deinem Geiste!“ Es würde Sinn machen, wenn der Priester dann erwiderte: „Sowie mit eurem Geiste!“ Was bedeutet das? - „Mit deinem Geist“ drückt aus, dass es nicht um rein menschliche oder irdische Angelegenheiten gehen wird. „Mit deinem Geist“ will sagen, dass es um die ganzheitliche Person (und zwar des Priesters als auch der Gemeinde) mit ihrem geistigen Sehnen und Offensein für das Göttliche geht. Mit unserer ganzen Person, ohne Einschränkungen und Abstriche, ohne Reserven und Verheimlichungen, wollen wir „da-sein“, wie auch Gott sagt: „Ich bin da“. Gott lädt uns zu diesem Gottesdienst ein, und in der Begrüßung erinnern wir uns gegenseitig daran, dass wir in unserem Glauben vor Gott gegenwärtig sein wollen, denn so werden wir die Tiefe und den Reichtum der Geheimnisse erkennen können, die wir hier feiern.

Wir sind weder ein Angelverein, noch ein Kegelclub. In dieser Versammlung geht es nicht um Zeitvertreib, um Hobby oder einfach nur um Lust an der Laune. Auch sind wir keine Fließbandarbeiter, die nach den immer selben Handgriffen schließlich gar nicht mehr bei der Sache sind; wo die Hände schon von allein tun, was gefordert ist, und das Herz geht auf Träumereise. Schließlich sind wir auch nicht in einem Verhör, wo wir uns vernehmen lassen müssen, weil es unsere bürgerliche Pflicht verlangt, aber wo wir froh sind, wenn alles möglichst rasch vorbei geht.

Es geht hier um etwas ganz Wichtiges, Tiefgreifendes: es geht um’s Leben. Und zwar um unser Leben. Dieses ist aber nicht begrenzt auf das irdische Dasein, denn wir haben in der Taufe neues, erlöstes und befreites Leben in unserem Herrn Jesus Christus empfangen. Und zwar Leben in Fülle (Joh 10,10).

In unserer heutigen Welt machen wir allerdings oft die Erfahrung, dass wir als Menschen eingegrenzt werden und nur durch erbrachte Leistungen etwas zählen. - In der Schule, wo die Noten darüber entscheiden, ob ich ein guter oder schlechter Schüler bin. Welcher Frust und welche Kreativität den Schüler bewegen, danach wird kaum gefragt. - In der Arbeitswelt, wo die Leistung über Beförderung oder Entlassung entscheidet. Welche Sorgen und Nöte manchmal unsere Gedanken quälen, danach fragt kaum einer. - In der Begegnung mit anderen Menschen, wo man angeben muss, wenn man Anerkennung bekommen will. Welche ungelösten Probleme zu Hause das Leben erschweren, darüber wagt man nicht zu sprechen. – Im Alter, wenn die Kräfte nachlassen und Krankheiten zu ständigen Begleitern werden, da werden wir für die sogenannte „aktive Gesellschaft“ eine Last und ein Finanzierungsproblem. An die eigene Not, mit unserer Hinfälligkeit und Einsamkeit umzugehen, denkt fast niemand.

Bei Gott ist das anders. In der Gemeinschaft der um den Herrn Versammelten dürfen wir ganz wir selber sein. Da sind wir nicht irgendein Zahnrad im Räderwerk der Zeit. Zu Gott dürfen wir kommen mit unserer Schokoladenseite aber auch mit unserer Kehrseite, mit unseren Problemen und Krankheiten, mit unseren ungelösten Fragen und Zweifeln. Gott wird uns niemals fristlos entlassen, er schätzt uns nicht ein nach dem Auto, das wir fahren, er lacht nicht über uns, wenn wir einmal versagt haben. Bei Gott darf ich sein, der ich bin – ganz und gar, ohne Einschränkungen, ohne Vorbedingungen, ohne Konditionen. Ein vordergründiges Kamera-Lächeln ist bei ihm völlig unnötig. Gott liebt mich, er interessiert sich für mich, will mein Heil, und in seiner Schöpfung bin ich unersetzlich.

Stellen wir uns einmal vor, die Sonne würde zu den Blüten und Blumen sagen: „Hört mal her! Ich habe festgestellt, dass viele meiner kostbaren Strahlen ins Leere gehen, denn ihr Blüten und Blumen seit ja noch geschlossen, wenn ich morgens aufgehe. Deshalb habe ich beschlossen, zukünftig nur noch dann meine Strahlen loszuschicken, wenn ihr euch schon geöffnet habt.“

Die Blüten und Blumen gaben sich alle Mühe, sich zu öffnen, doch sie konnten ihre Blütenblätter auch nicht einen Millimeter bewegen, denn ohne Sonnenstrahlen war es kalt und dunkel. Die Sonne hatte nicht bedacht, dass zwar die ersten Strahlen an Blüten und Blumen vorbeigingen, dass sie aber doch die nötige Wärme spendeten, damit die Blütenblätter sich bewegen konnten. Da aber die Sonne beschlossen hatte, keine Strahlen mehr loszuschicken, bevor nicht Blüten und Blumen sich geöffnet hätten, brachten die Pflanzen keine Samen und kein Getreide und die Gärten kein Obst und kein Gemüse mehr hervor.

Gott hingegen weiß, dass wir uns aus eigener Kraft nicht für ihn öffnen können, sondern dass wir dafür seiner Gnade und seines Vorschusses an Vertrauen und Liebe bedürfen. Und deshalb hat sich Jesus Christus für uns in den Tod gegeben, damit unsere Sünden getilgt und vergessen sind – und wir haben ihm nichts dafür gegeben. Er ist auferstanden, damit wir mit ihm, aus der Freude über unsere Erlösung und Befreiung heraus, ein neues Leben beginnen. Gott liebt uns zunächst einmal so, wie wir sind, und er vertraut auf das Gute in uns. Er weiß, dass in uns ein guter Kern ist, und er hofft darauf, dass wir durch die erfahrene Liebe in Jesus Christus besser werden und den Weg finden in die Neue Schöpfung.

So ist es wichtig, dass wir uns an seine heilende Gegenwart unter uns erinnern. Denn nur wenn wir an sein Wort glauben, nämlich dass er mitten unter uns ist, wenn wir in seinem Namen versammelt sind (Mt 18,20), wird auch seine Gnade an uns wirkmächtig werden. In der Eucharistiefeier geschieht das vier Mal: ganz zu Anfang nach dem Kreuzzeichen, dann vor der Verkündigung des Evangeliums, zu Anfang des Hochgebetes und dann vor dem Schlusssegen.

Nehmen wir also diese Momente der Besinnung auf unsere Gemeinschaft mit Gott wahr, und öffnen wir unsere Herzen unter den wärmenden Strahlen seiner Gegenwart.   Th. Heck svd

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"Erhebet die Herzen!"

So lautet die Aufforderung des Priesters, bevor er den feierlichen Lobpreis der Heilstaten Gottes in der Präfation anstimmt. Was ist mit diesem Ruf gemeint?

Zunächst könnte man daran denken, dass wir Menschen „oben" und „unten" nicht nur als Ortsbezeichnung, sondern auch als Beschreibung eines seelischen Zustandes verwenden. Im Glück ist man bekanntlich „obenauf" und im Unglück „niedergeschlagen". Bestimmt haben wir alle schon ein Fest oder eine Musik als „erhebend" empfunden, weil sie uns für einen Augenblick den grauen Alltag vergessen ließen, weil für einige Zeit unser Hunger nach Schönheit, Harmonie und Glück gestillt wurde. Alles das kann auch im liturgischen Ruf mitschwingen, doch es ist Anderes und Tieferes gemeint, als nur die Kennzeichnung einer inneren Stimmung.

Wenn uns die Liturgie zum Lobpreis Gottes auffordert, müssen wir uns zuerst in Erinnerung rufen, warum wir dies tun sollen. In einem unserer Kirchenlieder heißt es, wir sollen „loben Gott, den Herrn, der uns erhoben und so wunderbar erwählt". Das ist der entscheidende Grund: Gott hat uns Menschen „aus dem Staub erhoben" (1 Kön 2, 8), aus der Todverfallenheit, der Vergänglichkeit, der Sinnlosigkeit. Gott hat „durch die Erniedrigung seines Sohnes die gefallene Welt wieder aufgerichtet", heißt es in einem liturgischen Gebet. Noch mehr: Gott hat dem Menschen eine neue Bestimmung und eine neue Würde gegeben, die weit über all das hinausgeht, was der Mensch aus sich selbst machen kann. Er gab uns die Macht, Kinder Gottes zu werden (Joh 1, 12). - Durch den Glauben sind wir zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes berufen (Röm 8, 21).

Gottes Handeln an uns ist aber nie ein Handeln ohne uns. Was Gott uns schenkt, das müssen wir uns aneignen. Wenn er uns liebt, müssen wir seine Liebe beantworten. Wenn er uns durch sein Wort belehrt, müssen wir lernen. Wenn er sich uns in seinem Sohn schenkt, müssen wir uns ihm schenken. Wenn er uns zu sich emporhebt, müssen auch wir unser Herz erheben.

Den Willen, diese innere Haltung einzunehmen, bringen wir ja auch körperlich zum Ausdruck, indem wir aufstehen. Aber die Erhebung des Herzens zu Gott, die Bereitschaft, ihn zu loben und zu preisen für das Große, das er an uns getan hat, fällt uns oft nicht leicht, auch nicht im Gottesdienst, obwohl der Raum, die Gemeinschaft der Mitbetenden, die liturgische Handlung, Musik und Gesang uns dabei behilflich sein können. Deshalb müssen wir sie üben, es immer wieder versuchen.

Alles, was uns beschäftigt, unsere Wünsche und Hoffnungen, unsere Erfolge und Misserfolge, unsere Sorgen und Freuden, unsere Schwächen und Stärken, kurz alles, was im Lebensabschnitt einer Woche sich ansammelt, gilt es vor Gott hinzutragen und zu ihm zu erheben. Üben wir es jeden Sonntag, unser Leben zu Gott zu erheben, „der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht" (Lk 1, 52).    Bi. Fr. Hengsbach

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"Geheimnis des Glaubens!"

Unüberhörbar erklingt dieser Ruf im Zentrum der Eucharistiefeier nach der heiligen Wandlung vom Altar. Aber hört jeder den herausfordernden Unterton dieses Rufes?

Wir Menschen eines wissenschaftlichen Zeitalters verstehen zunächst unter einem Geheimnis keineswegs etwas, das unser Staunen, unsere Bewunderung oder gar Anbetung hervorruft - vielmehr unsere Neugier. Erzählt uns jemand von einem Geheimnis, so möchten wir wissen, was dahintersteckt. Viele glauben, dass dem menschlichen Verstand grundsätzlich alles zugänglich sei und dem Wissensdrang keinerlei Grenzen gesetzt seien. Wer so denkt, der kann unter einem Geheimnis höchstens das verstehen, was der Mensch bisher noch nicht erforscht hat, aber irgendwann einmal wissen wird. „Geheimnis des Glaubens" heißt jedoch: Es gibt Dinge, die dem menschlichen Begreifen unzugänglich bleiben. Gerade die Menschen, deren Genie und Fleiß das Wissen der Menschheit vermehrt und gesteigert haben, waren sich ihrer Grenzen bewusst und mussten zugeben, dass sie mehr Fragen aufgeworfen, als Antworten gegeben haben. Es gibt eine Grenze, die der Mensch aus eigener Kraft niemals überschreiten kann. Wo aber liegt diese Grenze und wie heißt sie?

Sie lautet: Der Mensch ist Geschöpf und nicht sein eigener Schöpfer. Der Mensch strebt über die Natur hinaus, aber er kann das Übernatürliche nicht ergreifen, es muss ihm geschenkt werden. Der Mensch will erlöst werden, aber er ist nicht sein eigener Erlöser. Der Mensch sucht nach dem Heil, aber er kann sich selbst nicht heilig machen. Wenn wir diese fundamentale Grenze anerkennen, dann verkleinern wir nicht den Menschen, wir beschränken nicht seine Möglichkeiten. Im Gegenteil: wir öffnen uns für eine höhere Wirklichkeit. Wir vertrauen uns dem unendlichen und heiligen Gott an.

Geheimnis des Glaubens! Mit diesem Ruf werden wir aufgefordert, unsere eigene Begrenztheit und Geschöpflichkeit zu erkennen, den unbegreiflichen und geheimnisvollen Gott anzuerkennen und uns seiner in Jesus Christus offenbar gewordenen Liebe anzuvertrauen.

Um unsere Demut und Ehrfurcht auch leiblich auszudrücken, knien wir während der heiligen Wandlung. Demut und Ehrfurcht sind Grundhaltungen, mit denen wir nicht nur vor Gott hintreten, sondern auch der Welt und den Mitmenschen begegnen. Wehe uns, wenn wir alles Wissen erwerben, aber dabei Demut und Ehrfurcht verlernen! Wer kein Geheimnis mehr anerkennt, dem ist auch nichts mehr heilig - weder die Welt, noch der Mensch. Nur dem Demütigen öffnet sich der Weg zur höchsten Möglichkeit und tiefsten Bestimmung des Menschen, zur Anbetung und Verehrung Gottes.    Bi. Fr. Hengsbach

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"Seht das Lamm Gottes!"

Uralte Bilder tauchen mit diesem Ruf zur Austeilung der heiligen Kommunion vor uns auf, Bilder, die sogar in unsere Alltagssprache eingedrungen sind. Da fühlt sich zum Beispiel jemand „unschuldig wie ein Lamm", aber vielleicht nur, weil er heimlich die Schuld auf einen anderen abgeschoben und einen anderen zum „Sündenbock" gemacht hat. Bis heute haben die großen Erzählungen der Heiligen Schrift hier die Spuren hinterlassen: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten, als die Juden durch das an die Türpfosten gestrichene Blut eines Lammes vor dem Tod bewahrt wurden; die jährlich wiederkehrende jüdische Paschafeier, in der diese Rettung vor dem Tod durch das Essen eines Lammes gefeiert und vergegenwärtigt wurde; die feierliche Versöhnung des Volkes mit Gott durch den Hohenpriester, der alle Sünden des Volkes auf ein Lamm legte, welches dann aus der Stadt in die Wüste, das heißt in den Tod gejagt wurde.

Und doch war dies alles nur Vorbereitung, Ankündigung und Verheißung bis zur Ankunft Jesu Christi. In ihm wurde Gott Mensch, der Herr zum Knecht, der König zum Diener. Der einzig Unschuldige wurde von allen schuldiggesprochen, der allein Liebende dem Hass aller preisgegeben, der gute Hirte zum Opferlamm gemacht. Und nicht nur der vergangene Alte Bund, sondern auch die Zukunft des Neuen Bundes ist im Geheimnis Jesu Christi gegenwärtig. Die große Vision des Jesaja schaut das Lamm als Beherrscher der Erde (Jes 16, 1). Der Seher Johannes schaut die Menschen, die ihre Kleider im Blute des Lammes waschen (Offb 22, 14). Das Lamm wird die Menschen weiden und führen (Offb 7, 17), das heißt, es wird auch der Hirte sein.

Was haben all diese Bilder uns zu sagen? Sie geben uns erstens Aufschluss über die Welt, wie sie wirklich ist. Immer wieder trifft die Macht des Bösen in der Welt gerade den Unschuldigen und Wehrlosen. Das erfahren wir jeden Tag. Sie geben uns zweitens Aufschluss über den Menschen, wie er wirklich ist. Niemand vermag auf die Dauer mit dem Bösen, mit Sünde und Schuld zu leben. Immer wieder versuchen wir, davon loszukommen und sei es, indem wir uns einen Sündenbock suchen. Sie geben uns drittens Aufschluss über Gott, wie er wirklich ist. Er allein kann das Übel an der Wurzel packen. Er allein vermag die Schuld zu tilgen, die Tränen zu trocknen und die Trauer in Freude zu verwandeln. Allein dem Lamm Gottes ist es vorbehalten, das „Buch mit sieben Siegeln" zu öffnen (Offb 5, 2), das heißt, die quälenden Rätsel des Todes, des Leidens und der Schuld aufzulösen. Unendlich viel Hoffnung und Trost liegt also in diesem Ruf, den wir in jedem Gottesdienst vor der heiligen Kommunion hören. Daher kann keiner, der hier Anteil erhält am Leib und Brot des Gotteslammes, die Welt nur als trostlosen Aufenthalt und den Menschen als hoffnungslosen Fall ansehen.    Bi. Fr. Hengsbach

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"Gehet hin in Frieden!"

Mich würde es nicht wundern, wenn viele Teilnehmer am Gottesdienst in diesem Entlassungsruf des Priesters nicht mehr sehen als ein Schlusswort, wie es zu jeder Versammlung gehört. Friede ist zudem in unserer Zeit ein verbrauchtes und sogar missbrauchtes Wort, Transparentparole, Plakatformel, Thema vieler Protestsongs. Friedensmärsche werden veranstaltet, und für die Friedensforschung wird viel Geld ausgegeben.

Wenn nun auch noch im Gottesdienst vom Frieden die Rede ist, dann kostet es heute einige Mühe, bis man heraushört, dass dies Wort hier einen volleren und tieferen Klang besitzt als anderswo. In ihm schwingt die ganze menschliche Unheils- und göttliche Heilsgeschichte mit, von der uns die Bibel berichtet. Es ist die Geschichte von Adam, dem Menschen, der sich von Gott löst und nun in Unfrieden mit der Schöpfung, in Streit mit dem Nächsten und Unstimmigkeit mit sich selbst leben muss. Weil Adam im Unfrieden mit Gott lebt, schreibt der Mensch seine Geschichte vorwiegend als Kriegs- und Unheilsgeschichte.

Aber die Bibel berichtet uns gleichzeitig die Geschichte von Jesus Christus, dem Gottmenschen. In ihm ist die Trennung zwischen Gott und dem Menschen aufgehoben. Er hat uns gelehrt und vorgelebt, dass der Mensch Bruder des Menschen ist und wir alle Kinder des einen Vaters im Himmel sind. Er will, dass wir im Frieden mit der ganzen Schöpfung leben. In ihm findet der mit sich selbst zerfallene Mensch wieder den inneren Frieden. Und weil allein Christus den Frieden gibt, „den die Welt nicht geben kann" (Joh 14, 27), sagt der Apostel: „Er selbst ist unser Friede" (Eph 2, 14). - Wenn der Christ also vom Frieden redet, dann denkt er zunächst nicht an politische oder soziale Ziele, Aufgaben und Wege; Friede heißt: Leben in voller Übereinstimmung mit Gott durch die Gemeinschaft mit Christus in der Kraft des Heiligen Geistes.

Hier liegt der Grund, warum wir unmittelbar vor der heiligen Kommunion um den Frieden bitten und uns den Frieden wünschen. Kommunizieren heißt: Anteil haben am Leib und Blut Christi, lebendige Gemeinschaft mit ihm haben und halten, sich vom Willen Gottes leiten lassen, sein eigenes Leben durch Christus erneuern und verwandeln lassen. Wer in der hl. Messe auf diese Weise „seinen Frieden mit Gott gemacht hat", dem gilt am Schluss der Ruf: „Gehet hin in Frieden!" Dem wird das Geschenk des Gottesfriedens zum Auftrag, alles zu bekämpfen, was in der Welt den Frieden hindert: Sünde, Vorurteil, Unwissenheit, Neid, Angst und Hass. Dem wird das Geschenk des Gottesfriedens zum Auftrag, alles zu fördern, was dem Frieden dient: Liebe, Freude, Geduld, Gerechtigkeit, Güte und Toleranz.

Kann man jetzt noch fragen, was denn der Gottesdienst mit dem konkreten Leben zu tun hat? Alles! Hier haben wir das Fundament und hier erhalten wir die Kraft für eine der wichtigsten und schwierigsten Weltaufgaben: Frieden zu schaffen.    Bi. Fr. Hengsbach

 

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