LUMKO - Institut

Bischof Fritz Lobinger, Mitbegründer des LUMKO-Instituts (Pastoralinstitut der Bischofskonferenz des südlichen Afrika), äußert sich zur Entstehung der Methode des Bibel-Teilens in Zusammenhang mit der Pfarr-Struktur von Kleinen Christlichen Gemeinschaften.

Erfahrungen des Lumko-Instituts in Südafrika mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften


Zur Person von Bischof Lobinger

Der 1929 in Regensburg geborene Fritz Lobinger ging bereits ein Jahr nach seiner Priesterweihe 1955 nach Südafrika. 1970 wurde er Direktor des in der Nähe Johannesburgs gelegenen "Lumko"-Instituts, das die Bischofskonferenz zur Umsetzung des Zweiten Vatikanums in der südafrikanischen Kirche geschaffen hat. 1986 wurde der bei Adolf Exeler Promovierte zum Bischof von Aliwal ernannt. Unermüdlich in seiner Reisetätigkeit, hat Lobinger zur Verbreitung eines neuen Gemeindeverständnisses und Modells kirchlichen Lebens beigetragen.
 

"Lumko" ist nicht eine gekünstelte Abkürzung, sondern ein Familienname. Es ist ein Wort der Xhosa Sprache und heißt "Weisheit". Wie der Ur-Ahn der dieser Xhosa Großfamilie den Rufnamen "Weisheit" bekam, ob durch Jagdkünste oder durch Kriegsstrategien, das weiß natürlich heute keiner mehr. Jedenfalls gehörte der Lumko Familie ein großes Stück Land im entlegenen Bergland der östlichen Kapprovinz Südafrikas. Als die Familie in Geldnot war, musste sie ein Stück ihres Landes an einen Händler verkaufen und dieser wiederum verkaufte es später der Diözese für ein Pfarrzentrum. Ein paar Jahrzehnte danach wollte dann der Bischof ein Zentrum für Missiologie und Pastoral im großen Johannesburg errichten lassen. Als dagegen zuviel Opposition auftrat, war er tief enttäuscht. Ganz entmutigt sah er sich nach irgend einem anderen Ort dafür um und gründete es schließlich in diesem abgelegenen und verlassenen Fleckchen, immer noch "Lumko" genannt. Wichtig wurde es auf einmal, als nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil jedermann Wege suchte, um die großen Ideen des Konzils in die Tat umzusetzen. Das musste so angepackt werden, dass es die wesentliche Idee traf und zugleich einfach genug war, um überall Feuer zu fangen.

Bibelteilen und Dienste-Teilen gehören zusammen

Kleine Christliche Gemeinschaften aufzubauen, das war nicht das Erste was Lumko anpackte. Der Anfang war vielmehr die Mitarbeiterschulung. Das beruhte auf der überraschenden Beobachtung, dass afrikanische Christen viel mehr aktiv teilnehmen wollten, als das bisher in der Kirche vorgesehen war, dass sie das aber bei der überkommenen Gemeindestruktur nicht konnten. Oswald Hirmer und ich waren Pfarrer in zwei benachbarten Missionspfarreien. Wir taten dort zunächst genau das, was wir als Versorger-Pfarrer in der deutschen Heimat gelernt hatten. Niemand sagte, das sei falsch; wenn man aber genauer hinschaute, dann merkte man, dass dieses passive Christsein dem Afrikaner nicht liegt. Es ging also zunächst darum, ein Mittun freizulegen, das verborgen da war.

Das Dienste-Teilen kam daher in diesem Fall vor dem Bibel-Teilen. Vielleicht wird jemand sagen, die Reihenfolge hätte andersherum gehen sollen, und er könnte gute Gründe dafür aufzählen. Es ist aber zweifelhaft, ob das gelungen wäre. Es hätte vielleicht in einer großen Enttäuschung geendet. Zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort hätte man mit dem Bibel-Teilen den Anfang machen müssen. Es gehört jedenfalls zu den Grunderfahrungen des Lumko Institutes, dass die ersten Schritte realisierbar sein müssen und dass man genau zusehen muss, was realisierbar ist.

Was war konkret mit dem Dienste-Teilen gemeint? Wie sah das aus? Es war der Umstieg von der versorgten zu einer sorgenden Gemeinde. Es war ein Umstieg vom System des bezahlten Pastor-Katechisten zu einer Vielzahl von freiwilligen Mitarbeitern. Es bedeutete, dass im ganzen Land Südafrika die dreizehn bestehenden Ausbildungszentren für bezahlte Katechisten der Reihe nach geschlossen wurden und statt dessen Zehntausende von freiwilligen Laien-Mitarbeitern ausgebildet wurden. Nicht am Ort des Lumko Institutes selbst, sondern in den Pfarreien, angespornt und mit Hilfsmitteln ausgerüstet durch Lumko. Das geschah in einem Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren. Es war ein riesiger Umdenkprozess in Hunderten von Pfarreien. Die Vision einer Kirche der Partizipation nahm immer mehr Gestalt an. Wie das konkret zustande kam, kann hier nicht im Detail geschildert werden.

Die Idee der Gemeinschaft von Gemeinschaften, also eines Netzwerkes von Kleinen Christlichen Gemeinschaften mit Bibelteilen, entstand im Gefolge dieses Prozesses des Dienste-Teilens. Es ist ein logischer Teil des Ganzen. Sobald an vielen Orten über Partizipation als Grundidee Gottes nachgedacht wird, muss man nach Formen suchen, wie gemeinsam nach dem Wort Gottes für unsere Zeit nachgedacht wird. Sobald wir anfingen, Teilnahme an Dienst und Leitung ernst zu nehmen, war es ganz natürlich, dass wir auch das gemeinsame Hören und Suchen anfangen mussten. Es war ein Teil der konkreten Erfahrung von Lumko, dass beides zusammen gehört, das Dienste-Teilen und das Bibel-Teilen.

Wie weit sind Kleine Christliche Gemeinschaften gelungen?

Wie weit dieser Aufbau von Kleinen Christlichen Gemeinschaften (KCG) gelungen ist, kann man nicht so leicht sagen. Es gibt sie fast überall in Afrika. In vielen Diözesen besteht auch die letzte Pfarrei aus einem Netz von KCG. Es gibt aber auch viele Berichte über deren Schwierigkeiten, über Kurzlebigkeit, über Schwächen, über die Begrenztheit.

In vielen Pfarreien sagt man heute ganz spontan: "Alles was in unserer Pfarrei angepackt wird, läuft über KCG". In vielen Pfarreien sind sie nicht mehr wegzudenken. Das ist gewöhnlich dort der Fall, wo man das ganze Leben der Pfarrei auf diese Gemeinschaften aufgebaut hat. Dort geschieht dann viel mehr als nur das Bibelteilen in jenen Nachbarschaftsgruppen. Dort fallen dann wichtige Entscheidungen, die für jeden wichtig sind, wie etwa die Entscheidung über die Taufe. Wenn eine Familie ein Kind bekommt, weiß sie genau, dass es keinen Zweck hat, gleich zum Pfarrhaus zu gehen. Dort würde man weggeschickt mit dem Hinweis, man brauche zuerst einen Brief der KCG jener Strasse. Genauso bei einem Todesfall, wo man sich als Erstes an die KCG wendet und wo jede KCG ihre eigenen Beerdigungsleiter hat. Ebenso wird jede Sammlung über die KCG organisiert und auch Krankenbesuche, Krankenkommunion, die Katechese der jüngeren Kinder usw. In solchen Pfarreien wird dann auch der Pfarrgemeinderat nicht zentral in einer Halle gewählt, sondern man wählt jeweils einen Delegierten in jeder KCG. Diese Art von Pfarreien gibt es überall, aber es sind nicht alle.

Es gibt auch Pfarreien mit sehr schwachen KCG. In manchen Pfarreien hat man sie viel zu klein gemacht. Dann kommen nur ein paar Leute zum Bibelteilen und folglich kann man dann auch keine Entscheidungen und keine Gemeindedienste auf sie aufbauen. Wenn aber das Leben der KCG aus nichts als Bibel und Gebet besteht, dann geht das Leben an ihnen vorbei. Sie müssen dann künstlich aufrecht erhalten werden und wenn auch das nicht geschieht, sind sie bald am Ende. Sie verschwinden nach einiger Zeit, bis ein anderer Pfarrer sie wieder zum Leben erweckt.

Wie Kirchliche Vereine zur Konkurrenz werden können

Im Südlichen Afrika kommt eine ganz eigene Schwierigkeit dazu. Es ist die große Attraktivität der kirchlichen Vereine und das hat einen besonderen Grund. Sie tragen in dieser Gegend eine Uniform. Jeder Verein hat seine eigene, aus verschiedenen Farben und nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, selbst wenn es nur eine rote Krawatte oder eine violette Weste wäre. Wie ungeheuer attraktiv diese Uniformen sind, kann sich ein Europäer kaum vorstellen. Es hat damit zu tun, dass ein Afrikaner für lange Zeit nichts galt. Es hat auch mit Armut zu tun, wo man sich an alles klammert; das zeigt, dass man doch jemand ist. Es hat auch mit dem starken Gemeinschaftssinn zu tun, demnach man gleich aussehen will. Alle diese Faktoren laufen darauf hinaus, dass man als Getaufter noch nichts gilt, sondern erst als Eingekleideter. Das ist natürlich bedauerlich, aber es ist leider wahr. Es ist auch interessant, dass die höher gebildeten Afrikaner das nicht mehr brauchen und sich lieber einen Verein suchen, der keine Uniform trägt, und dass Weiße davon nicht angesteckt wurden. Es wird sich also in Zukunft ändern. Momentan ist das aber eine riesige Schwierigkeit für KCG. Sie konkurrieren mit einer ungeheuer attraktiven Alternative. Das ist natürlich keine Alternative, und in den meisten Pfarreien gehören die Leute zu beiden Gruppen. Sie gehen jede Woche sowohl zur Versammlung der KCG als auch zur Versammlung des Vereins. Es ist aber leicht zu verstehen, dass dort, wo ein Pfarrer nicht sehr tief überzeugt ist von der Idee der KCG und wo er einfach das tut, was leichter ist oder gar nichts tut, die KCG absterben oder gar nicht anfangen.

Es scheint ziemlich klar, dass wir auch in Zukunft in der ganzen Kirche und in den Pfarreien ein Zusammenspiel brauchen zwischen KCG und Vereinen bzw. Bewegungen. Dieses Zusammenspiel gelingt in vielen Gegenden schon jetzt sehr gut, aber in anderen fehlt sowohl die Gesamtsicht als auch das menschliche Verständnis dafür. Viele haben bereits verstanden, dass beide Weisen des Zusammenkommens ihr eigenes Recht haben und ihre eigene Dynamik, dass sie sich sogar gegenseitig stützen können. Leider gibt es immer noch viele andere, die meinen, nur eine der beiden Weisen sei die einzig Richtige.

In vielen Entwicklungsländern besteht die Konkurrenz kaum mit geistlichen Bewegungen, aber sehr viel mehr mit Vereinen. Im Vergleich mit ihnen muss man sagen, dass KCG zweifelsohne ein gewisses Mehr an Anstrengung verlangen, sowohl vom Pfarrer als auch von den Mitgliedern. KCG sind nicht ein Naturprodukt, das von selber wächst. Wenn man nur seinem Bedürfnis nach Versorgung nachgeht, oder nach Freizeitgestaltung, oder nach Status, dann fällt die Wahl bestimmt nicht auf KCG. Genauso beim Pfarrer. Wenn er es gerne sieht, wegen seiner "magischen Kräfte" oder seiner Autorität gesucht zu sein, dann wird er nicht KCG aufbauen. KCG sind eine Schule des Teilens, des Zuhörens, der Gleichheit. Das zieht nur den an, der darin die verborgene Perle sieht.

Bibel-Teilen und Weltgestaltung

Eine andere Schwierigkeit der KCG besteht darin, dass sie in vielen Pfarreien - je nachdem wie sie gebaut sind - für Männer und für Jugendliche kein Anziehungspunkt sind. Man findet in vielen Pfarreien nur Frauen dort und zwar auch in vielen Pfarreien, wo die Jugend sich in der Kirche zuhause fühlt, wo sie das Bild der Gemeinde prägt und wo der ganze Gottesdienst einen Jugendcharakter hat. Gegen Beten hat die Jugend hier gar nichts, auch nicht gegen Reden über Gott, und von zehn Liedern, die sie auf der Straße singen, haben neun einen religiösen Text. Dass Männer in der Kirche eine Minderheit sind, ist nichts Neues, aber in KCG können sie leicht noch seltener werden. Das ist natürlich vor allem dann der Fall, wenn es dort nur um Frömmigkeit geht. Das Gleiche gilt von der Jugend. Jugend möchte das Leben gestalten, möchte die Dinge verändern, und das muss schnell gehen. Es ist natürlich nicht leicht, das mit den KCG zu verbinden. Es gelingt einigen Pfarreien, aber nicht vielen.

Die KCG sind nirgends in Afrika bloße Gebetsgruppen. Dazu ist der Afrikaner viel zu ganzheitlich orientiert. Dass Gebet, Bibel und Nächstenhilfe zusammen gehören, braucht ihnen niemand zu sagen. Nächstenhilfe geht aber kaum über die Nachbarschaft hinaus. Es ist großartig zu sehen, wie die KCG den Kranken und Notleidenden der Nachbarschaft helfen, aber die großen Probleme bleiben dann unberührt. Die weit verbreitete Korruption, die unfähige Verwaltung, die Kriminalität und viele andere Sozialprobleme lassen sich nicht auf der Ebene der Nachbarschaft anpacken. Dazu braucht es eine effektive Vernetzung der KCG und hier liegt die Aufgabe.

Lumko versucht seit Jahren, Bibelmethoden zu verbreiten die den Blick auf soziale Probleme hinwenden. Es braucht aber noch mehr. Es braucht Gruppen auf der Ebene der Pfarrei, des Dekanates und der Diözese, die den KCG helfen, sich mit sozialen Problemen zu beschäftigen. Für die einzelne KCG ist es sehr schwierig, dagegen anzugehen und wirksame Schritte zu unternehmen. Mit Formen der Vernetzung stehen wir noch am Anfang. Wir haben angefangen, die ganzen KCG einer Pfarrei einmal im Jahr für zwei oder drei Tage zusammen zu bringen. Dabei geht es dann um ein einziges brennendes Problem der jeweiligen Gegend und dabei können die KCG die Motivation und die konkreten Schritte finden, um eine Sozialaktion zu unternehmen.

Das Maß für Sozialaktionen in den KCG wird wichtig sein. Die Erfahrung der Basisgemeinden Lateinamerikas hat gezeigt, dass man nicht einseitig werden darf. Die Menschen halten das nicht aus. Wenn der Akzent zu einseitig und zu lange auf der Sozialaktion liegt und wenn das Gebetserlebnis zu kurz kommt, dann suchen Menschen dieses Erlebnis woanders. Wenn umgekehrt die Sozialaktion fehlt, dann können die Männer und die Jugendlichen nicht dabei sein. Wir sind immer noch am Anfang mit unserem Suchen nach einer gesunden, natürlichen und glaubensfundierten Art wie die beiden Dinge eine dauerhafte Symbiose eingehen können. Für die Zukunft der KCG eine entscheidende Frage. Es braucht dazu auch Institute wie Lumko und andere.

KCG für Arm und Reich

Die KCG werden nicht verschwinden aus den Pfarreien Afrikas, trotz der Schwierigkeiten, die eben aufgezählt wurden. Dafür sind sie dem Herz des Afrikaners viel zu nah. Die Großstädte Afrikas, genauso wie die Asiens, Lateinamerikas werden wachsen und man wird Gruppen suchen, wo man sich trotz des Chaos als Mensch angenommen fühlt. Man muss das einmal gesehen haben, wie sie in den KCG der Blechhütten-Vorstädte am Anfang der Versammlung in der voll gepfropften Blechhütte aufstehen und mit strahlenden Augen ihren Namen sagen. Hier bin ich jemand und ich weiß, hier bin ich angenommen. Ein Grund, warum die vielen kleinen Sekten immer mehr werden, besteht sicher darin, dass die armen, entwurzelten Leute ein Zuhause suchen, und zwar am Liebsten ein solches, das auf Glauben aufgebaut ist. KCG werden noch lange die katholische Antwort auf dieses Sehnen sein.

Heute ist es gewöhnlich so, dass die Bessergestellten nicht in den KCG zu finden sind. Wenn Leute wohlhabender werden, ziehen sie aus den Elendsvierteln aus. Es dauert dann einige Zeit, bis sie merken, dass sie jetzt aus einem neuen Grund die KCG brauchen, nicht mehr um ihre eigene Not zu bestehen, sondern um Glaubensgemeinschaft zu erfahren und um das Wort Gottes in die Tat umzusetzen.

KCG und Klerikalismus vertragen sich nicht

Wir sagten oben schon, dass klerikalistische Pfarrer sich nicht auf KCG einlassen. Die Zukunft der KCG in Afrika wird sehr davon abhängen, welches Zielbild die Pfarrer haben werden. Das gilt überall in der Welt. Es gilt besonders in den Jungen Kirchen und in unterentwickelten Ländern. Dort ist es besonders leicht, in die Falle des Klerikalismus zu geraten. Hat das klerikale Priesterbild mehr Zukunft oder das Bild des Aufbauers der Gemeinschaft? Will der Pfarrer der Zukunft mitten unter den Leuten sein oder hoch darüber? Die Frage dürfen wir nicht dem Zufall überlassen. Sie wird einerseits davon abhängen, was die Christen von ihm erwarten und anderseits davon, welcher Einfluss von oben kommt. Je überzeugter die KCG aufgebaut werden, desto gesünder wird die nächste Generation der Pfarrer sein.

Das Priesterbild von morgen hängt also auch von den KCG ab. Wenn ein junger Mann in den KCG erfahren hat, wie Erwachsene tiefe Einsichten in ihren Glauben haben, wenn er erfahren hat, dass der Glaube nicht ausschließlich von der Kanzel kommt, wenn er immer wieder erfahren hat, dass der Priester nicht nur ein Verkünder des Wortes, sondern auch ein Hörer ist, dann wird er eine andere Sicht seines Amtes haben. Das Priesterbild wird in den Seminaren geformt, aber nicht nur dort. KCG sind ein wichtiger Hintergrund für Berufe.

KCG rufen nach dem nächsten Schritt

Die Zukunft der KCG hängt auch sehr damit zusammen, wie sich die Gemeindedienste entwickeln, also das Amt in der Kirche. Für viele von uns war das Teilen des Amtes der Weg, wie wir das Teilen des Wortes als Ziel gefunden haben. Ich meine, das Teilen des Amtes wird weitergehen, weiter als heute. Das hieße, dass es in jeder Pfarrei an Stelle des Versorger-Pfarrers ein Team von nebenberuflichen "Gemeinde-Priestern" (ohne dass man sie mit "Priester" oder "Pfarrer" betitelt) geben wird. Dieses Kernteam wird aber herauswachsen und immer umgeben sein von einer viel größeren Zahl von Gemeindemitgliedern, die eine Menge verschiedenster Dienst ausübt, einige weniger offiziell, andere mehr, in verschiedensten Arten und Schattierungen. Es wird in die Richtung eines großen Spektrums von Diensten und Ämtern gehen, unter denen aber auch der jetzige Priester seinen Platz hat. Eine so große Zahl von Teilnehmern an Dienst und Amt brauchen die KCG. Warum? Weil sie sonst allzu leicht in die alte Furche des Klerikalismus zurückrutschen könnten. Sie müssen sich ein klein wenig abheben von der Gemeinschaft und zugleich sehr gleich bleiben mit ihr. Sie müssen ihr manchmal voranstehen oder auch gegenüber stehen und zugleich jede Woche erleben, wie sie mitten unter den anderen sitzen und die Bibel genauso in der Hand haben wie alle anderen. Teilnahme am Leitungsamt, so weit gestreut, braucht Teilnahme an der Basis. Nicht-Gleichheit dieser Art braucht Gleichheitserlebnis. Wenn wir diese Art der Teilung des Amtes wollen, dann sollen wir auch die KCG wollen. Kirche hat Zukunft, wenn es eine Kirche ist, wo Jeder mitreden und mittun kann.

Aachen, 10. April 2002

 

Auszüge aus einem Interview mit Bischof Fritz Lobinger

Warum wurde in der deutschen Kirche lediglich das Bibel-Teilen, das ja nur ein Element eines viel umfassenderen pastoralen Konzepts ist, aufgegriffen?

Lobinger: Die deutsche Kirche nahm das auf, was hier am Besten ankommt. Die Konfrontation mit einem ganz anderen, neuen Gemeindeverständnis, mit der wichtigeren Frage des "Dienste-Teilens" etwa, wäre in vielen Fällen wohl eine Überforderung gewesen. Wir wissen ja auch aus eigener Erfahrung, wie schwierig diese Prozesse in unseren Gemeinden waren und auch noch sind. Es sollte bei der Bewusstseinsbildung in den Gemeinden immer dort begonnen werden, wo die Chance besteht, dass die Gläubigen spontan aufhorchen. Wenn Partizipation, das Mittun in einer Gemeinschaft fasziniert, soll man hier anfangen; wo ein neuer Zugang zur Bibel begeistert, eben dort beginnen. Die Auseinandersetzung mit dem Bibel-Teilen bleibt aber nie Sackgasse. Es geht dabei doch nicht um eine neue Frömmigkeitsübung von Wenigen, die dann wieder unverändert auseinandergehen. Bibel-Teilen öffnet immer den Horizont in Richtung auf ein "Das-Leben-Teilen".

Viele Christen im europäischen Kontext tun sich aber gerade mit der Aufforderung zu praktischem Handeln, dem 6. Schritt der 7-Schritte-Methode, schwer.

Lobinger: Dieser Schritt kann auch wegfallen, wenn die Praktizierenden nicht das Leben in einer Gemeinde teilen und es so auch keine gemeinsame praktische Aufgabe gibt. Wichtiger ist die Grundidee hinter dem Bibel-Teilen, nämlich, dass alle angesprochen werden vom Wort Gottes, auch wenn sie keine Experten sind, dass nicht nur die Hierarchen das Wort Gottes hören, sondern jeder und jede. Diese Grundidee ist so mächtig, dass sie in jedem Kontext ihren Weg finden wird. So ist es sicher auch nicht problematisch, wenn innerhalb der Gemeinden in Deutschland erst einmal einzelne Gruppen, etwa der Pfarrgemeinderat, mit dem Bibel-Teilen beginnen.

Welche Wirkung trauen sie der 7-Schritte-Methode in Deutschland zu?

Lobinger: Ich weiß sehr wohl um die Schwierigkeiten, in eine solchermaßen säkularisierten und individualisierten Gesellschaft Lernprozesse partizipativerer Formen anzustoßen, zumal sich die Kirche in einem so reichen Land wie Deutschland auch in bedrängenden Situationen zunächst immer auf ihre finanziellen Ressourcen verlässt. Aber auch die Kirche in Deutschland befindet sich mitten in der Bewegung hin zur Überwindung letzter Reste der mittelalterlichen Feudalkirche.

Entwickelt sich ein neues Kirchenverständnis auf der Basis der Kleinen Christlichen Gemeinschaften?

Lobinger: Es entsteht eine neue Weise Kirche zu sein. Von einer neuen Ekklesiologie im Sinne einer durchreflektierten Entwicklung zu sprechen, scheint mir übertrieben. Die Art und Weise, Gemeinde zu leben, hat sich aber in den letzten Jahren in jedem Fall verändert, nicht nur in Südafrika. Unsere Gemeinden wissen, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Sie wollen selbst Kirche sein, zeigen neues Selbstbewusstsein. Wenn wir in Fortbildungs- oder Gemeindebildungsveranstaltungen von der dringlichen Überwindung einer nur versorgenden Kirche reden, winken manche schon ab, weil sie diesen Schritt schon lange vollzogen haben. Noch Ende der achtziger Jahre, als ich Bischof wurde, kam ich immer wieder in Gemeinden, die als erstes fragten, wann sie wieder einen bezahlten Katecheten erhalten, einen, der für sie alles macht. Seit zehn Jahren habe ich diesen Wunsch nicht mehr gehört. Statt dessen wollen die Gemeinden sich bilden, selbst aktiv werden. Im Sinne einer gelebten Ekklesiologie ist in vielen afrikanischen Ländern wirklich etwas Neues entstanden.

Wie ist das Verhältnis von Kleinen Christlichen Gemeinschaften und Amtsträgern zu bestimmen?

Lobinger: Bibel- und Glauben-Teilen lässt sich vom Ämter- und Dienste-Teilen nicht trennen. Beim Bibel-Teilen sitzen alle, Gläubige und Amtsträger, gleichberechtigt nebeneinander: Keiner soll den anderen belehren, sich im Umgang mit der Bibel über den anderen erheben. Dieses Erlebnis aber prägt das Zueinander der Dienste und Ämter. Natürlich hat uns der Priestermangel geholfen, das zu lernen. Mindestens ebenso prägend aber war eine bestimmte Mentalität: In die Kirche gehen und nichts tun, sich nicht zu engagieren, ist für die Afrikaner fremd. Hätte es keinen Priestermangel gegeben, wäre die Entwicklung hin zu einem neuen Gemeindeverständnis, zum Dienste-Teilen daher nur langsamer verlaufen. Als Bischöfe müssen wir uns aber noch stärker vernetzen, um die Entstehung vieler Dienste noch weiter zu fördern oder das Dienste-Teilen allererst zu ermöglichen. Und natürlich müssen wir auch aufpassen, keinen neuen Laienklerikalismus zu schaffen. Ich denke aber, dies lässt sich leicht vermeiden.

Die katholische Kirche wurde oft als "Fremdkirche" gesehen. Konnte dies mit dem Entstehen der Kleinen Gemeinschaften überwunden werden?

Lobinger: Davon ist heute nichts mehr zu hören, die Inkulturationsprozesse der letzten Jahrzehnte haben dieses Bild gelöscht. Wer heute bei uns landauf, landab sonntags in eine Messe geht, merkt sofort, dass er in einer gewandelten Kirche ist. Da ist nichts mehr kalt und steif wie früher, hier ist Kirche in Bewegung. Die Musik, die Art und Weise wie die Dienste und Aufgaben während der Messe geteilt werden - hier wird niemand mehr eine fremde Kirche sehen. Wir haben sehr, sehr viel gelernt. Nicht zuletzt hat uns auch die "Afrikasynode" viel geholfen, indem sie zu weiteren Inkulturationsbemühungen ermutigt hat, ohne dabei selbst Rezepte zu erteilen. Das Bewusstsein, dass die Inkulturation des Evangeliums zentrale Aufgabe der Kirche ist, hat noch einmal ganz neuen Antrieb erhalten. Dies war in der ganzen afrikanischen Kirche deutlich zu spüren.

(erschienen in: Herder Korrespondenz 56, 8/2002: 393-97)

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