Matthäusevangelium: Eine Einführung 

  1. Charakter des Evangeliums
  2. Gemeinden und Autor
  3. Aufbau und Inhalt
  4. Darstellung in der Kunst

1         Charakter des Evangeliums

Bei Markus hat man manchmal den Eindruck, Jesus aus Nazareth mit den Augen des Petrus zu entdecken. Bei Matthäus hingegen weiß man nie so genau, ob man sich am Ufer des Sees Gennesaret befindet um das Jahr 30 herum oder aber in einer  christlichen Gemeinde der Jahre 80, die ihre Liturgie feiert. Oder ganz bewusst begegnen wir bei Matthäus dem historischen Jesus, dem der in der christlichen Gemeinde weiterlebende Herr wie ein Pauspapier übergezeichnet ist. So offenbart sich uns das Gesicht des Jesus von Nazareth durch die aufleuchtenden Züge des Auferstandenen, der von seiner Gemeinde gefeiert wird.

1.1      Das Jüdischste der Evangelien

a) Mt stellt in seinem Evangelium über 130 Mal die Verbindung zum AT her, davon 43 Mal mit einem ausdrücklichen Zitat. 11 davon sind mit der Formel eingeleitet: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: ...“ (Mt 1,22) Als echter Rabbiner nimmt er manchmal mehrere Stellen, die er in einer subtilen Art einander annähert, um daraus das Zitat zu schmieden, das er braucht.

-          So nimmt er Sach 11,12 und Jer 18,2 als Beleg, um den Tod des Judas zu erklären.

Mt 27,9f: So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke - das ist der Preis, den er den Israeliten wert war - und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.

Sach 11,12f: Ich sagte zu ihnen: Wenn es euch recht scheint, so bringt mir meinen Lohn; wenn nicht, so lasst es! Doch sie wogen mir meinen Lohn ab, dreißig Silberstücke. Da sagte der Herr zu mir: Wirf ihn dem Schmelzer hin! Hoch ist der Preis, den ich ihnen wert bin. Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie im Haus des Herrn dem Schmelzer hin. [Wirf ihn dem Schmelzer hin, andere Übersetzungsmöglichkeit nach S: Wirf ihn in das Schatzhaus!]

Jer 18,2f: Mach dich auf und geh zum Haus des Töpfers hinab! Dort will ich dir meine Worte mitteilen. So ging ich zum Haus des Töpfers hinab. Er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe.

-          Oder der Einzug Jesu in Jerusalem (21,1-19) in messianischer Deutung mithilfe von Sach 9,9 und Jes 62,11.

Mt 21,4f: Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.

Jes 62,11: Hört, was der Herr bis ans Ende der Erde bekannt macht: Sagt der Tochter Zion: Sieh her, jetzt kommt deine Rettung. Siehe, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.

Sach 9,9: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.

b) Seine Art des Ausdrucks ist jüdisch. Er spricht von Himmelreich anstelle von Reich Gottes, denn die Juden sprechen den Gottesnamen nicht aus. Er liebt die Wiederholungen und vor allem die Einschlüsse oder Wiederaufnahme desselben Ausdrucks am Anfang und am Ende einer Einheit:

-              5,3.10: 3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

-              6,25.34: 25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? 34 Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

c) Er verwendet den Parallelismus:

-              16,25: Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

-              7,24-27: 24 Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. 26 Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört.

d) Er mag Aufstellungen mit bestimmter Anzahl von Elementen, symbolisch oder einfach als Hilfe fürs Gedächtnis:

-              7 Bitten des Vater unser (6,9-13)

-              7 Gleichnisse (13,1-52)

-              7 Brote und 7 Körbe (15,34.37)

-              3 Versuchungen (4,3-10)

-              3 Gute Werke (6,1f)

-              3 Zehntenabgaben (23,23)

1.2      Das kirchliche Evangelium

Dieses Evangelium, das in bevorzugter Stellung das westliche Christentum geprägt hat, wurde das „kirchliche Evangelium“ genannt:

-              Das Thema des Reiches Gottes und dessen Skizze in der Kirche stehen im Zentrum.

-              Es ist das einzige, in dem das Wort ‚Kirche’ vorkommt: ekkläsía (Versammlung, Gemeinde, Kirche), Mt 16,18; 18,17.

-              Matthäus legt großen Wert auf die Organisation der Kirche, auf das brüderliche Miteinander und die Katechese (Glaubensunterweisung), die er in fünf großen und gut aufgebauten Reden darbietet.

Das ganze Evangelium spielt sich in einer liturgischen Stimmung ab: die Gemeindemitglieder, die ihren Herrn anbeten, erscheinen in den Jüngern, die Jesus auf den Straßen Palästinas folgen.

1.3      Das Evangelium der Tat

Besonders im Matthäusevangelium wird der Christ aufgefordert, seinem Glauben in Taten der Nächstenliebe konkrete Gestalt zu geben. Wer die Seligpreisungen, die Bergpredigt und die Reden Jesu liest, sieht sich einer großen Herausforderung gegenüber gestellt: du sollst alles geben, und das möglichst sofort! Wie kann dies möglich werden?

Beachten wir, wie sehr Matthäus den Akzent auf den himmlischen Vater legt. Wir sollen vollkommen sein wie er! (Mt 5,48) Und diese Perspektive ändert alles. Die Ethik, das christliche Handeln, ist nicht eine neue Gesetzesverordnung, die die Jüdische ersetzt und die man möglichst pingelig einhalten muss. Es ist vielmehr eine Herausforderung der Liebe. Wenn man sich mit einer solchen Liebe geliebt weiß, wie sie im Verhältnis Gott Vaters zu seinen Kindern offenbar wird, kann man nicht anders wollen als dem ähnlich zu werden, der einen liebt. Diese Forderung ist so unbegrenzt, wie es auch die Liebe Gottes ist. Aber wenn sie Forderung der Liebe ist, dann wird alles möglich sein.

Die Gleichnisse vom Schatz und von der Perle (Mt 13,44-46) machen deutlich: Jesus wendet sich an Menschen, die bereits die Erfahrung der Liebe gemacht haben, die schon entdeckt haben, wie wunderbar dieses Reich ist und die bereit sind, alles zu geben, um das Reich zu erwerben.

Und es ist kein Zufall, wenn die Seligpreisungen in zwei Vergleiche münden: Ihr seid das Salz der Erde... Ihr seid das Licht der Welt... (Mt 5,13-16). Die Gemeinde der Christusanhänger ist keine Schale, in der die Geretteten sich im Kreise drehen. Sie ist Zeichen, das Lebenssinn vermittelt, das den Menschen in der Dunkelheit einen Weg aufleuchten lässt, mithilfe einer Leuchtkraft, die nicht von ihnen kommt, sondern vom himmlischen Vater.

Weiterhin darf in dem „Ich aber sage euch“ (Mt 5) nicht die Forderung nach zusätzlicher Leistung über die Forderungen des alttestamentlichen Gebots hinaus gesehen werden, sondern es soll im Gegenteil dessen schon immer gemeinter Sinn ans Licht gehoben werden. Die Ethik der Bergpredigt ist im christlichen Alltag durchaus als erfüllbar gedacht, und in ihr kommt der eigentliche Sinn und Inhalt des alttestamentlichen Gebots zum Ausdruck.

2         Gemeinden und Autor

2.1      Die Gemeinden des Matthäus

Die Situation der Gemeinden, in denen Matthäus predigt, hat sein Zeugnis stark beeinflusst. Drei Aspekte können hier genannt werden:

1.      Die Gemeinden scheinen vor allem aus Christen zusammengesetzt, die vom Judentum her kommen. Sie sind sehr gut mit den Schriften vertraut; an mehr als 130 Stellen bezieht sich Matthäus auf das AT. Das jüdische Gesetz bleibt für sie Lebensregel. So sagt Jesus: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ Mt 5,17. Die Gemeinden sind sehr vertraut mit der rabbinischen Auslegungsweise der Schriften, und einige ihrer Fragen (über Fasten, Almosen, Scheidung...) sind als typisch jüdisch auszumachen. Nicht durch Zufall wird Jesus als neuer Mose dargestellt.

2.      Die Gemeinden liegen im Konflikt mit dem offiziellen Judentum, das von den Pharisäern in Jamnia neu definiert wurde. Mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 sind die Sadduzäer und die Essener von der Bildfläche verschwunden, und als einzige jüdische Gruppierung überleben die Pharisäer.

Aus Juden-Christen bestehend sind die Gemeinden des Matthäus immer noch den Traditionen ihrer Väter verbunden, und sie haben in Jesus denjenigen erkannt, der gekommen ist, die Erwartung Israels zu erfüllen. Doch nun werden sie von der Pharisäersynode beschuldigt, diese Tradition zu verraten.

3.      Die Christen sind schon aus den Synagogen vertrieben worden, wie Matthäus schreibt.

In 23,34 lässt Matthäus Jesus zu den jüdischen Schriftgelehrten und Pharisäern sprechen: "Ich sende Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch [gemeint sind die Lehrer der christlichen Gemeinde]; ihr aber werdet einige von ihnen töten, ja sogar kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und von Stadt zu Stadt verfolgen." Das Possessivpronomen "euren", das bei Synagogen steht, deutet darauf hin, dass es bereits zum Bruch gekommen ist und dass die Christen die jüdischen Gebetshäuser nicht mehr aufsuchen. (vgl. Mt 10,17)

Die sehr scharfen Angriffe Jesu gegen die Pharisäer (Mt 23) sind wahrscheinlich weniger diejenigen des Jesus der Jahre 30, als die des Auferstandenen, lebendig in seiner Gemeinde der Jahre 80, gegen die Pharisäer von Jamnia. Die Drohworte sind also im Rahmen eines innerjüdischen Konfliktes zu bewerten und geben damit sicher keinen Anlass, allgemeine Urteile der Christen über die Juden abzuleiten.

Die Gemeinden öffnen sich gegenüber den Nicht-Juden (Heiden). Aus christlicher Überzeugung und von dem missionarischen Eifer der ersten Jahre der Kirche her entdecken die zu Christen gewordenen Juden wieder neu den Willen Jesu, seine Jünger in die ganze Welt hinauszuschicken. Das Apostelkonzil im Jahr 48/49 n. Chr. hatte schon die Entscheidung für die Heidenmission gefällt.

2.2      Der Autor

Eine nicht überprüfbare Tradition aus dem 2. Jht. erklärt (Bischof Papias von Hierapolis, ca. 130 n. Chr.), dass Matthäus, der Zöllner aus Kafarnaum, der einer der zwölf Apostel war (9,9), Jesus-Worte in aramäisch aufgeschrieben hat.

Das Matthäus-Evangeliums ist jedoch nicht vom Apostel geschrieben worden, sondern von einem unbekannten Verfasser, der sich vielleicht auf die aramäische Sammlung von Jesus-Worten gestützt hat. Er schreibt in griechisch, in den Jahren zwischen 80 – 90, in Gemeinden der Region Syrien-Palästina, vielleicht in Antiochien.

Den großen Aufbau des Evangeliums übernimmt Matthäus von Markus, doch verknüpft er die Perikopen miteinander, die er dort nur lose aneinandergereiht findet. Aus einer „Redequelle“, die ihm und Lukas vorgelegen hat, schiebt er blockweise Abschnitte ein (z. B. die Bergpredigt, Kap. 5-7). Schließlich fügt er Verse einer „Sonderüberlieferung“ hinzu, die keiner der anderen Evangelisten kennt.

2.3      Züge des Matthäus

Matthäus ist Lehrer. Er hat die Worte Jesu in fünf großen Redekompositionen verarbeitet, ohne Zweifel um ihn als neuen Mose vorzustellen. Er drängt darauf, dass der Hörer / Leser das Wort versteht und nicht nur anhört (Deutung des Gleichnisses vom Sämann 13,18-23). Er verkürzt die Wunderberichte, um oft nur zwei Personen einer Handlung übrig zu lassen: Jesus und sein Gegenüber. Auf diese Weise verlieren die Berichte an Spektakulärem, gewinnen aber an Klarheit für die Unterweisung.

Er ist ein Schriftgelehrter, geübt in den jüdischen Methoden, die Schrift zu interpretieren, „der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ (13,52)

In Jesus von Nazareth erkennt er im christlichen Glauben den verherrlichten Herrn. Schon von Anfang an (vgl. Stammbaum und Geburt Jesu, Kap. 1) und oft auch in der Folge, verkündet er ihn als Gottes Sohn, dessen Hoheit und Autorität durchscheinen.

Matthäus schreibt für Christen, die schon Glauben haben und die ihn vertiefen wollen. Er versucht den Sinn des Todes Christi aufzuschlüsseln. Er schreibt für Christen jüdischen Ursprungs: wie einerseits Gott in Jesus das Versprechen, das er seinem Volk gegeben hatte, verwirklicht und wie andererseits Jesus die Schrift erfüllt. Das jüdische Volk mit seinen Führern, hat aber Jesus nicht angenommen und deshalb geht die Verheißung auf ein neues Volk über, die Kirche. Diese steht jedoch in eigentümlicher Kontinuität mit der Verheißung an das alttestamentliche Volk Gottes, und sie muss wachsam bleiben, denn auch sie kann versagen in der Nachfolge Jesu.

3         Aufbau und Inhalt

3.1      Fünf große Redeabschnitte gefolgt von Taten

Um den fünf Büchern Mose gleichzutun, organisiert Matthäus sein Evangelium in fünf großen Abschnitten: Fünf Redeeinheiten, von Taten begleitet, die das Wort des Herrn bestätigen.

Einleitung: Kindheits- und Vorgeschichte. (Kap. 1-2).

I. Teil. Jesus predigt allen das Reich Gottes und bereitet die Kirche vor. (Kap. 3-16)

Überleitung: Der Vater bekennt sich zu seinem Sohn, der von Satan versucht wird. (Kap. 3-4)

1.      Das Reich Gottes ist in seiner Gerechtigkeit angekommen. (Kap. 5-9)

-              Die Bergpredigt ist die große Programm-Rede, in der Jesus das Glück ankündigt sowie die Bedingungen, um im Reich zu leben. (5-7)

-              In einer Serie von 10 Wundern erscheint Jesus als der, der befreit und seine Gemeinde rettet. (8-9)

2.      Jesus sendet seine Jünger aus zu predigen und er verkündet selbst das Reich. (Kap. 10-12)

-              Jesus wendet sich an seine Jünger in einer Missionsrede. (10)

-              Im Grunde werden sie diese Mission erst wirklich erfüllen können, wenn Jesus auferstanden sein wird. Deshalb ist Jesus selbst unterwegs, um zu predigen und zu erfüllen, was er ihnen verkündet hat. (11-12)

3.      Die grundlegende Entscheidung als Reaktion auf die Predigt des Reiches. (Kap. 13-16,12)

-              In einer Rede bestehend aus sieben Gleichnissen fordert Jesus dazu auf, sich für oder gegen sein Glücks-Programm zu entscheiden. (13,1-52)

-              Er zeigt in seinen Taten, dass dieses Glück alle erreicht, die an ihn glauben: er heilt und sättigt die Menge. Bekenntnis des Petrus. (13,53-16,12)

II. Teil. Jesus bereitet die Kirche auf ihre Aufgabe im Reich Gottes vor. (Kap. 17-28)

Überleitung: Die Kirche bekennt sich zu ihrem Herrn und versucht ihn. (Kap 16,13-17,27)

4.      Das Reich Gottes geht vom jüdischen Volk auf die Kirche über. (Kap. 18-23)

-              In einer Rede über die Kirche, stellt Jesus den verantwortlichen Jüngern der Gemeinde die zwei einzigen Verhaltensregeln, die beobachtet werden müssen, vor: Barmherzigkeit und Vergebung. (18)

-              Es kommt zum Bruch zwischen Jesus und den jüdischen Führern, in Galiläa, dann in Jerusalem. (19-23)

5.      Endgültiges Eintreten des Reich Gottes im Osterereignis. (Kap. 24-28)

-             Jesus beschreibt in zwei großen Reden das „Ende der Zeiten“ und die „Ankunft des Reiches“ um den unvermeidlichen Preis von Verfolgungen. (24-25)

-         Leiden und Auferstehung Jesu leiten diese Ankunft ein. Jetzt ist es an den Jüngern, in die Fußstapfen ihres Herrn zu treten, hinauszugehen und die Frohe Botschaft vom Reich auf der ganzen Erde zu verkünden. (26-28)

3.2      Der Evangelist Matthäus entwickelt die folgenden Ideen

A. Jesus vom AT angekündigt, Messias, König und Sohn Gottes

1.              Jesus ist wirklich der, den das AT ankündigte. Seine Gegner haben dies aber nicht verstanden. Sie berufen sich auf die Tradition des Mose (23,2). Jedoch ist Jesus Christus der von Deuteronomium angekündigte neue Mose. Er ist es, der hineinführt in das „verheißene Land“, das in einem verwandelten Leben besteht.

Mt 11,2-6: Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.

Dtn 18,15f: Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören. Der Herr wird ihn als Erfüllung von allem erstehen lassen, worum du am Horeb, am Tag der Versammlung, den Herrn, deinen Gott, gebeten hast, als du sagtest: Ich kann die donnernde Stimme des Herrn, meines Gottes, nicht noch einmal hören und dieses große Feuer nicht noch einmal sehen, ohne dass ich sterbe.

2.              Jesus ist wirklich der erwartete Messias. Aber er ist nicht der König in glänzendem Triumph, den man erhoffte. Er ist leidender Knecht, wie der Prophet Jesaja sagt.

Mt 8,17: Dadurch sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.

Jes 53,4: Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. (4. Gottesknechtlied)

3.              Jesus ist wirklich der verheißene König, der Sohn Davids verkündet durch den Propheten. Aber seine Herrschaft hat sich auf paradoxe Weise durch seinen Tod am Kreuz offenbart. Sie hat sich bestätigt durch seine Auferstehung, welche den endgültigen Sieg der Herrschaft der Liebe eingeleitet hat (27-28).

Mt 21,1-9: Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!

Sach 9,9 : Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.

4.              Jesus ist wirklich der Sohn Gottes, gesandt vom Vater, aber sein Heilsprogramm ist völlig anders als die Menschen es sich vorstellen konnten: er offenbart den Gott der unbedingten und völligen Liebe, der sein Reich der Liebe aufbauen will. (Mt 5-7: Bergpredigt)

B. Das Reich Gottes verwirklicht sich in der von Christus gewollten Kirche, die sich ausbreiten soll.

5.              Das von Jesus verkündigte Reich verwirklicht sich in der Kirche. Aber es wird sich entwickeln wie ein Keim: nur im Glauben wird es angenommen werden und wachsen können. (Mt 13,1-52: Gleichnisse vom Sämann, Unkraut, Senfkorn, Sauerteig, Perle, Fischnetz)

6.              Die sichtbare Kirche, wenn sie auch mit Makel behaftet ist, ist wirklich diejenige, die der Herr gewollt hat. Wer sie hört, hört Christus selbst. (Mt 18: Rangstreit, Warnung vor Verführung u. Verachtung, Verlorenes Schaf, Verantwortung für den Bruder, Pflicht zur Vergebung, Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubigen)

Mt 10,40: Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

7.              Die Kirche ist nicht mehr eine in sich selbst verschlossene Gemeinschaft: sie ist aufgerufen, sich in die ganze Welt hinaus auszuweiten.

Mt 28,19f: Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

4         Darstellung in der Kunst

Auf die Vision des Propheten Ezechiel geht die Darstellung der vier Evangelisten unter Symbolen zurück (Ez 1,4-28):

Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold. Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Und das war ihre Gestalt: Sie sahen aus wie Menschen. Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. ... Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht blickte bei allen vier nach vorn, ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier nach hinten. ...

Vergleiche auch die Offenbarung (Offb 4,6f):

Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall. Und in der Mitte, rings um den Thron, waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten. Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler.

Als erster hat wohl Irenäus von Lyon (2. Jht.) das „Viergetier“ als Vorausschau auf die Evangelisten gedeutet.

Im Anschluss daran wird Matthäus das Sinnbild des Menschen oder Engels zugeeignet (vgl. Bild am Seitenanfang), denn er beginnt sein Evangelium mit der Darlegung der menschlichen Abstammung unseres Erlösers und mit einer ausführlichen Beschreibung seiner Geburt. Sein Evangelium schildert vornehmlich das menschliche Sein Christi.

Das Symbol des Evangelisten Markus ist der Löwe, denn sein Evangelium betont die Kraft der Auferstehung und Todesüberwindung.

Der hl. Lukas hat als Sinnbild den Stier, denn ähnlich jenem wurde auch unser Erlöser Jesus Christus als Opfer geschlachtet. Sein Evangelium ist von einer innigen Opfergesinnung geprägt.

Johannes gleicht dem Adler, der sich hoch in die Lüfte erhebt, denn er unterstreicht besonders die Jugendkraft unseres Herrn Jesus Christus, der von den Toten auferstand und zum Himmel auffuhr.

In Lydien fand man einen Marmorblock, der folgenden auf Christus bezogenen Text trägt: „Er litt als Mensch, siegte wie ein Löwe, entflog wie ein Adler, wurde geopfert gleich einem Stier.“

Evangeliar - Große Ansicht 34kBDen Evangelisten zugehörend, werden die Symbole auch stellvertretend für diese verwendet in Evangeliar, Ikone, Gemälde und Bildhauerei. Unabdingbar umgeben sie die Darstellungen der "Majestas Domini" und erfüllen die abendländische Kunst allenthalben, während sie in der byzantinischen nach dem Bilderstreit nicht mehr zu finden sind. Als geflügelte Köpfe oder auch in ganzer Gestalt tragen sie die Schriftrolle als Offenbarungsurkunde, aus der der Evangelist abschreibt, oder lagern bei späteren Einzelfiguren zu Füßen des Evangelisten.

Das Schwert ist Attribut des Matthäus, während auch die Hellebarde auftritt, die bei den meisten späteren Einzeldarstellungen als Apostel an Stelle des Schwertes sein deutliches Kennzeichen bleibt (gelegentlich zum Beil mit langem Stiel verkümmert). Buchrolle und Buch sind ihm meist ebenfalls beigegeben, zumal, wenn er vom 15./16. Jh. anstatt in Manteldrapierung in Gelehrtentracht mit Barett oder als bürgerlicher Zolleinnehmer mit Beutel, Zollstab oder Zahlbrett wiedergegeben wird.

Seine häufigste Darstellung aber ist das Autorenbild, das ihn vom 7. Jh. an am Pult sitzend und schreibend zeigt, in den Evangeliaren seinem Evangelium vorangestellt, begleitet von seinem Symbol, dem Engel oder Menschen, auf den die Inschriften hinweisen: "Wie Christus durch die Geburt ein Mensch wurde und vom Engel verkündet ward".

 

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