Feste des Herrn, der Heiligen und Gedenktage

Lesejahre ABC

02.02     Darstellung des Herrn (F)

19.03     Heiliger Josef (H)

25.03     Verkündigung des Herrn (H)

24.06     Geburt Johannes des Täufers (H)

29.06     Petrus und Paulus (H)

06.08     Verklärung des Herrn (F)

15.08     Aufnahme Mariens (H)

 

14.09     Kreuzerhöhung (F)

    .10     Erntedank (kath: 1. So. im Okt. / evg: So. nach Michaelstag 29. Sep.)

    .10     Sonntag der Weltmission (zweitletzter So. im Okt.)

01.11     Allerheiligen (H)

02.11     Allerseelen

09.11     Weihetag der Lateranbasilika (F)

08.12     Empfängnis Mariens (H)

26.12     Stephanus (F)

27.12     Apostel Johannes (F)

28.12     Unschuldige Kinder (F)

 

o.D.     Jahresgedächtnis der Kirchweihe 

 

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02. Februar - Darstellung des Herrn

Lk 2,22-32: Das Zeugnis des Simeon über Jesus

Wir Menschen sind voll von allen möglichen Dingen: Werbesprüche und Blinkreklame, "In welchem Land sollen wir im Sommer Urlaub machen?", Rechtsstreit mit dem Nachbarn, "Mein Chef ist nie zufrieden mit meiner Arbeit", Reparaturen am Haus, "Unsere Tochter ist immer noch arbeitslos", neue Rechtsvorschriften, "Wie sollen wir das bezahlen", Schlankheitskur und Fitnesswahn usw. usw. usw.

So vieles nimmt uns in Beschlag, macht uns voll, und dann versuchen wir auch noch etwas Religiöses draufzusetzen, aber irgendwie läuft das an uns vorbei, gleitet an uns ab, ohne uns wirklich zu erfüllen.

Religion hat ganz wesentlich etwas mit Sehnsucht zu tun. Der Mensch, der sich nach nichts sehnt, was außerhalb seines Ich-Kreises liegt, der wird auch keine Religion brauchen. - Wenn wir religiöse Menschen sein wollen, dann müssen wir zuerst auf unsere Sehnsucht achten. Wohin geht sie, auf was richtet sie sich aus, verfängt sie sich in Süchten, wird sie betäubt?

Das wichtigste Gebot unseres Glaubens, so sagt Jesus, ist (Mk 12,29-31a) "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Das heißt nichts anderes, als dass wir unsere ganze Sehnsucht, unser Streben und Verlangen auf Gott ausrichten sollen. Und indem wir Gott suchen, sollen wir den Menschen dienen. Das ist das wichtigste an unserer Religion.

Der gerechte und gläubige Simeon hat genau das getan. Er lebte nach Gottes Geboten und sehnte sich voller Inbrunst, den Messias zu sehen. Deshalb konnte die Begegnung zwischen ihm und Jesus zu einem Ereignis voller Licht und Freude werden.

Auf die Sehnsucht kommt es an!

Denken wir wieder mehr daran, in unserem Leben mit Gott zu rechnen. Strecken wir uns nach ihm aus, sehnen wir uns nach ihm. Dann sind wir wie eine frisch gespülte und aufnahmebereite Tasse, in die Gott sein belebendes, duftendes und anregendes Getränk des Heiligen Geistes füllen kann. Dann wird auch für uns die Begegnung mit Jesus zu einem Ereignis voller Licht und Freude.

"Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen; sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." (Antoine de Saint-Exupéry)

 

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19. März - Hl. Josef

Mt 1,16.18-21.24a: Stammbaum Jesu / Die Geburt Jesu

Woher hat Jesus das Verständnis der Schrift, mit dem er die Lehrer im Tempel verblüfft? Die Kenntnis und das Verstehen der Tora, dem wichtigsten Teil der jüdischen Bibel, fällt nicht einfach vom Himmel; da steckt ein intensives Hören und Lernen dahinter. Es war damals nichts Ungewöhnliches, dass Jungen im Alter des 12jährigen Jesus Teile der Tora und manches Prophetenwort auswendig konnten und im Gespräch mit Lehrern zu verstehen suchten. In Israel fing und fängt der Religionsunterricht sehr früh an.

Jüdische Kinder und Erwachsene hören und hören immer wieder, um schließlich auswendig zu behalten. Sie hörten vor allem zu Hause und in der Synagoge das "Sch'ma Jissrael", ein zentrales Gebet der jüdischen Tradition: "Höre, Israel! JHWH, unser Gott, JHWH ist einer. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft" (Dtn 6,4f). Der fromme Jude betete dieses Gebet und die es begleitenden Preisungen schon zur Zeit Jesu, zweimal am Tag. Und die Kinder, hörten und beteten es bald mit.

Der junge Jesus betete mit seinem Vater Josef, so wie heute jüdische und christliche Kinder einfach mitbeten, sofern die Eltern oder Großeltern das Gebet praktizieren - auch wenn die Worte zunächst für das Kind noch unverständlich sind. Und gerade die immer wiederkehrenden Texte prägen sich Kindern schnell ein. Jesus lernt seinen Gott kennen im Gebet der Familie und in den Festen, in den rituellen Rahmungen des Sabbatmahles und jeder Mahlzeit, die der fromme Jude mit Gebet begleitet.

Jesus hört in diesen festlichen Begehungen die uralten Erzählungen von der Rettung Israels, von den Bundesschlüssen. Er hört von den Gefährdungen dieser Bundesschlüsse, er hört von göttlicher Treue und menschlicher Untreue. Er hört aber auch bei den Propheten, dass Gott sich abwenden kann, dass er bereuen und sich bekehren kann.

Der zwölfjährige Jesus bringt die Schriftgelehrten im Tempel zum Staunen durch "sein Verstehen und sein Antworten". Das ist mehr als nur das Aufsagen auswendig gelernter Texte. Es zeigt, dass er Rede und Antwort stehen kann über das, was er gelernt hat. Er beginnt, sich eigene Gedanken zu machen über seinen Glauben, tiefer einzudringen in den Sinn der Texte.

Neben dem schulischen Unterricht durch den Synagogendiener waren es vor allem auch die Auslegungen der Schrift im Sabbatgottesdienst, die der jüdische Junge hörte. Und das konnten sehr unterschiedliche Auslegungen sein. Verschiedene Schulmeinungen standen nicht selten gegeneinander. Der Hörer musste also früh lernen, damit umzugehen, dass es nicht eine einzig mögliche Auslegung der Schrift gab und schon gar nicht eine für alle Zeiten verbindliche. Insofern wurde er zu einer Auslegungstoleranz erzogen; was allerdings nicht bedeutete, dass er die selbst für richtig erkannte nicht auch verbindlich lebte.

Jesus, der Sohn Gottes, lernt unter menschlichen Bedingungen, was es heißt, den Geboten und der Weisung Gottes zu gehorchen. Er lernt das Verständnis für diese Weisungen kennen, lernt wie eng oder weit, belastend oder menschenfreundlich die Tora ausgelegt werden kann, so dass sie den Menschen aufrichtet oder niederwirft.

Die schulische Bildung ist eine Sache; die Praxis und das Beispiel erlebt Jesus im Leben seiner jüdischen Familie. Was die Weisungen Gottes sind, was es bedeutet, diesem Gott zu gehören, davon erfährt er zuerst von seiner Mutter und von seinem Vater. Sie sind von morgens bis abends in die religiöse Praxis eingebetet und versuchen in ihrem Alltag, das Wort Gottes als ihre Lebensweisung zu entdecken.

Der Evangelist Matthäus gibt uns da einen Hinweis, der für die spätere Art und Weise des Umgehens Jesu mit der Tora wichtig ist. Im Zusammenhang mit der Geburt Jesu wird berichtet, wie Josef bemerkt, dass seine Verlobte schwanger ist, noch bevor sie zusammen sind. Weil Josef "gerecht" ist - so heißt es dort -, will er seine Verlobte nicht bloßstellen. Er beschließt, "sich in aller Stille von ihr zu trennen" (Mt 1,19). Josef will dem Gesetz entsprechend handeln, das bedeutet das Wort "gerecht". Aber er legt die Tora nicht in Härte sondern in Barmherzigkeit aus. Er hätte seine Verlobte Maria auch anzeigen und "bloßstellen" können; das hätte für sie die Steinigung bedeutet. Aber er will nicht ihren Tod, er liebt doch seine Verlobte! Gesetzestreu entscheidet er sich für den unauffälligsten Weg, den barmherzigen Weg. Dass er dann auf Geheiß des Engels seine schwangere Verlobte zu sich nimmt, hat diese barmherzige Auslegung der Tora zur Voraussetzung. "Halte dich an die Weisungen Gottes, aber lege sie barmherzig aus - denk an das Gesetz, aber nicht ohne an die Liebe zu denken", das haben Josef und Maria dem Jesus sicher in zahlreichen Situationen beigebracht und vorgelebt.

Aber worüber spricht Jesus eigentlich mit den Schriftgelehrten im Tempel? Aus dem Ritus der Bar-Mizwah-Feier, also der Aufnahme eines jüdischen Jungen in die volle religiöse Mitgliedschaft, wissen wir, dass es um die Hauptstücke der Tora ging, über die der Schüler Rechenschaft abzulegen hatte. Zu den "Hauptstücken des Gesetzes" gehört aber zuerst das "Sch'ma Jissrael" (Höre, Israel!).

Betrachten wir auf diesem Hintergrund den geschilderten Dialog. Auf die Frage der Mutter: "Kind, wie konntest du uns das antun?" gibt Jesus die nicht gerade entgegenkommende Antwort: "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" (vgl. Lk 2,49). Wörtlich müsste man übersetzten: dass ich in den (Dingen?) meines Vaters sein muss?

Was ist damit gemeint? Der Tempel sicherlich nicht. Was sind aber die Dinge Gottes, was gehört Gott? Nun, der Bar-Mizwah, der Sohn des Gesetzes, hat seine Lektion gelernt. Die Antwort, die das "Sch'ma" gibt, ist eindeutig: die ganze Liebe des Menschen gehört Gott. Wir können also die Antwort Jesu so ausformulieren: "Warum konntet ihr euch nicht denken, dass ich hier bin? Warum wundert ihr euch, dass ich mit ganzem Herzen und mit allen Gedanken darauf sinne, Gottes Weisung zu verstehen? Ihr selbst habt mich doch gelehrt: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft."

(vgl. Wilhelm Bruners. Wie Jesus glauben lernte. Freiburg, Herder, 31994: 11-23.)

 

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25. März - Verkündigung des Herrn

Mk 9,2-10: Die Verklärung Jesu

Nein, es ist nicht leicht zu glauben, es ist leichter, vernünftig zu argumentieren. Es ist nicht leicht, das Geheimnis anzunehmen, das dich immer übersteigt und das dir die Grenzen deiner Armut immer weiter dehnt.

Willst du vor dem Glauben zurückschrecken, dir sagen, das kann nicht wahr sein, es ist sinnlos, sich einzulassen, sich einen Gott vorzustellen, der Mensch wird, es gibt keinen Messias, der uns rettet, alles ist ein Chaos, das Absurde regiert die Welt, der Tod hat das letzte Wort und nicht das Leben?

Nein! Wenn Glauben schwer ist - Nichtglauben ist Tod. Wenn Hoffen gegen alle Hoffnung heldenhaft ist - Nichthoffen ist erwürgende Angst. „Ja, ich glaube“ – so sprach Maria und bereitete Gott den Weg, uns zu erretten.

(vgl. Carlo Carretto. Gib mir deinen Glauben: Gespräche mit Maria von Nazaret. Freiburg i.Br., Herder, 1991: 29)

 

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24. Juni - Geburt Johannes des Täufers

Lk 1,57-66.80: Die Geburt des Täufers

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“, so lautet ein Ausspruch der jüdischen Dichterin Nelly Sachs.

Alles beginnt mit der Sehnsucht… – und ich könnte fortsetzen: …ohne die Sehnsucht beginnt nichts. Wir würden in unserem Leben nichts ändern, nichts Neues beginnen, wenn wir nicht eine Sehnsucht in uns hätten, die uns immer wieder nach einem Mehr Ausschau halten ließe. Doch neigen wir manchmal dazu, die Sehnsucht in uns zu vergraben, weil sie uns Angst macht, weil sie unbequem ist, weil sie den Status quo immer wieder infrage stellt. Wir vergraben die Sehnsucht und finden uns mehr oder weniger zufrieden / unzufrieden damit ab, wie es eben ist. Doch die Sehnsucht lässt sich auf Dauer nicht unterdrücken. Das ist wie bei einem größeren mit Luft gefüllten Ball, den man unter Wasser zu drücken versucht. So fest man den Ball auch hinunterdrückt, so entgleitet er doch immer wieder, um an die Wasseroberfläche zu schlüpfen. Wir können versuchen, die Sehnsucht zu betäuben oder mit Ersatzbefriedigungen abzuspeisen, damit wir ihren Anruf nicht mehr so laut hören, wir können uns in Arbeit und verschiedene Beschäftigungen stürzen, doch los werden wir die Sehnsucht nie.

Johannes d. T. ist, so möchte ich einmal sagen, die lebendig gewordene Sehnsucht des Menschen in Person. Er hat den Mut gehabt, sein ganzes Leben der in ihm liegenden Sehnsucht zu öffnen und sich nach ihr auszurichten. So sagte auch der Engel, als er Zacharias die Geburt seines Sohnes ankündigte: Wein und andere berauschende Getränke wird er nicht trinken. Deshalb zieht Johannes schon als junger Mann in die Wüste, damit er ohne Ablenkung ganz konzentriert dem nachspüren kann, was in ihm lebt, damit er seine Sehnsucht klar und deutlich sprechen hört und ganz ihr gemäß leben kann.

Der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb einmal ein wunderbares Wort („Was mich bewegt“): „Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.“

Johannes hatte keine Antwort auf die Nöte der Menschen seiner Zeit, auf die schon überlange Zeit des Wartens auf den verheißenen Retter. Aber Johannes spürte sehr deutlich, dass die Zeit gekommen war, die Sehnsucht zu schärfen und die Fragen zu leben. Es war der Augenblick gekommen, diesem Sehnen Raum zu schaffen und sich nicht mehr mit halben Sachen zufrieden zu geben. Es war die Zeit gekommen, den Fragen an Gott bewusst nachzuspüren und sie zum Ausdruck zu bringen, nur so konnte das Volk vielleicht allmählich in eine Antwort hinein leben.

Als er mit etwa 30 Jahren dahin gelangt war, ganz seine Sehnsucht zu leben, da ereilte ihn der Auftrag von Gott, er solle von seiner eigenen Erfahrung her den Menschen helfen, die tiefe Sehnsucht wieder zu entdecken, die in ihnen lebte, doch oft verschüttet war. So begann er, die Menschen zur Umkehr aufzurufen und dafür das Untertauchen im Jordan als Zeichen zu setzen. Ich möchte diesen Aufruf einmal so umschreiben: Wandelt euch durch ein neues Denken, setzt die Akzente neu, prüft, was wirklich Leben ist und was der Tod. Öffnet euch für den, der allein wunderbar und groß genug ist, die starke Sehnsucht zu erfüllen, die in euch lebt.

Viele Menschen haben sich wirklich von Johannes anstecken lassen, haben ihre Sehnsucht aufgeweckt, ihr neu Raum gegeben und sie auf Gott hin ausgerichtet. Einige aber glaubten, dass sie doch ihr Leben schon ganz für Gott lebten, so dass sie eine Umkehr nicht nötig hätten. Es waren v.a. Pharisäer und Schriftgelehrte, mit denen auch Jesus später seine Schwierigkeiten bekommen sollte. Was war ihr Problem? Sie glaubten, schon erreicht zu haben und zu besitzen, wonach sie gesucht hatten. Deshalb war die Kraft ihrer Sehnsucht erlahmt und trieb sie nicht mehr an. Anstatt sich auf den Weg zu machen, sich für ungeahnte Perspektiven des Lebens offen zu halten, traten sie auf der Stelle und setzten ihre Kraft darein, das Wenige, was sie vom Leben verstanden hatten, gegen alle Angriffe zu verteidigen und sich zu rechtfertigen.

Als dann schließlich Jesus auftrat, erkannte Johannes der Täufer sehr bald, dass dieser die Antwort auf sein Fragen und Sehnen sein musste. Ihm wurde klar, dass sein Auftrag bald erfüllt sein würde, dass er selbst kleiner werden müsste. Die in Christus verkörperte Erfüllung würde aber umso größer werden und stärker in den Mittelpunkt rücken.

Die Geschichte mit dem Täufer zeigt uns: Bevor Jesus kommen kann, braucht es den Johannes. Damit die Liebe kommen kann, braucht es zuerst die Sehnsucht. Damit die Vergebung kommen kann, braucht es zuerst Einsicht in das eigene Versagen und Bußbereitschaft.

Alles beginnt mit der Sehnsucht – und ohne die Sehnsucht beginnt nichts Neues und verändert sich nichts. Jede, jeder kann sich also einmal fragen: Wie viel Sehnsucht lebt in mir? Wohin geht meine Sehnsucht – für mich persönlich, für die Familie, für die Gesellschaft, für die Beziehung mit Gott, für die Kirche?

Mit Rilke möchte ich Sie ermuntern, Geduld zu haben, gegen das Ungelöste im Herzen. Versuchen Sie, die Fragen selber lieb zu haben, wie noch geheimnisvolle, verschlossene Stuben… Es handelt sich darum, alles zu leben. - Das wünsche ich uns, dass wir uns mit Johannes d. T. bereit machen, den Fragen, die in uns stecken, Raum und Zeit zu geben, so dass wir in Geduld und Hoffnung allmählich in die große Antwort hinein leben, die Gott selber ist.

 

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6. August - Verklärung des Herrn

Mk 9,2-10: Die Verklärung Jesu

Ich könnte mir vorstellen, wenn Jugendliche heute miterleben würden, was Petrus, Jakobus und Johannes da erfahren haben, dann würde ihnen ganz sicher eine solche Bemerkung rausrutschen wie: „Boa, sind das coole Spezialeffekte!“ - In den Filmen, die auf der Leinwand oder am Bildschirm zu sehen sind, ist es heute doch an der Tagesordnung, dass Menschen einfach so wie geisterhafte Wesen aus dem Nichts auftauchen, dann wieder verschwinden, dass ihre Gesichter außerirdische Züge annehmen usw. Maskenbildner, Stuntmänner und Computeranimation machen alles möglich, was in der Realität eigentlich nicht möglich ist.

Aber ich habe Ihnen ja nicht gerade aus einem Drehbuch einer Hollywoodproduktion, das mit besonderen Spezialeffekten arbeitet, vorgelesen, sondern ich habe Ihnen aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums eine gute Botschaft verkündet. Aber was können wir davon halten? Wie ernst sollen wir das nehmen, wenn da von zwei längst verstorbenen bzw. entrückten Personen die Rede ist, die plötzlich auftauchen und mit einem Jesus reden, dessen Gestalt sich verändert und einfach so zu leuchten beginnt? Manche Bibelwissenschaftler meinen, dass die Gemeinde des Markus in Anlehnung an Erzählungen der griechischen Mythologie Jesus hier ein Denkmal setzen wollte, andere sagen, dass sich in dieser Geschichte der Glaube an Jesus als den Messias „bildhaft“ ausdrückt.

Aber welche Botschaft hätte dann dieses Evangelium für uns heute, außer dass wir vielleicht sagen könnten: Aha, eine schöne Geschichte, oder - wie die Jugendlichen: tolle Bilder und Effekte.

Unser Problem, warum wir diese Geschichte nicht in rechter Weise verstehen können, ist, dass wir von unserer Kultur her und vor allem von unserer gesellschaftlichen Entwicklung her immer mehr abgekoppelt werden von unserem inneren Erleben.

Wo ist heute noch Platz für meine Trauer über den Verlust eines lieben Menschen, wenn ich am Arbeitsplatz von meinem Chef gescholten werde, dass ich nicht genug Leistung bringe. Was bedeutet das Gefühl des Verliebt-Seins, wenn ich in der Angst leben muss, jeden Tag meine Arbeitsstelle zu verlieren? Was geschieht mit meinem Gefühl von Freude und Dankbarkeit, wenn ich nur mürrischen und unzufriedenen Menschen begegne?

In unserem Evangelium geht es um eine Dimension, die in unserer modernen Gesellschaft zu einer aussterbenden Art gehört. Wäre sie ein Vogel, dann gäbe es wenigstens Tierschützer, die sich für ihr Überleben einsetzen würden; doch so wird sie immer seltener und immer ausgemergelter. Ich spreche hier von der Dimension des inneren Seelenlebens, der spirituellen Erfahrung, der Gottesbegegnung; jeder, der sich regelmäßig zu beten oder meditieren müht, der wird schon eine solche Erfahrung gemacht haben: man wird auf einmal gewahr, dass man mit Frieden erfüllt ist, dass man eins ist mit Gott, dass Christus ganz nahe bei einem steht, dass man getragen ist in seiner Not oder so ähnlich. Und um solche Gebetserfahrungen geht es im Evangelium von heute.

Jetzt könnten sie vielleicht meinen: Der will uns ja nur sagen, die Jünger haben halt Visionen gehabt, nichts weiter. Damit kommt bei uns dann natürlich gleich die Schlussfolgerung: die Jünger haben sich also das Ganze nur eingebildet. Visionen, innere Gebetserfahrungen, das scheint uns alles sehr subjektiv, nicht überprüfbar und im Grunde beliebig. Aber damit zeigen wir einmal mehr, dass wir - ob wir wollen oder nicht - Kinder unsrer Zeit sind: Alles, was nicht sicht- und greifbar ist, alles, was nicht naturwissenschaftlich nachweisbar ist, alles, was uns nicht sofort Profit bringt oder Spaß, das ist unerheblich und uncool; das brauchen wir nicht und letztlich gibt es das einfach nicht.

Das geht soweit, dass Gläubige, die mit ihren inneren Erfahrungen zu einem Verantwortlichen der Kirche gehen, dort genauso auf Unverständnis stoßen können, wie sie von den Mitmenschen nicht für voll genommen werden. Wenn wir jedoch in die Bibel schauen, so ist dort allein 88 Mal ausdrücklich von Visionen die Rede; dazu kommen zahlreiche Stellen, wo von außergewöhnlichen Einsichten und Einsprechungen die Rede ist, ohne dass der Begriff Vision ausdrücklich, genannt wird. Die Bibel jedenfalls scheint diese inneren Erfahrungen von Menschen sehr ernst zu nehmen. Und die Menschen der Bibel lassen sich auf diese innere Stimme ein, ändern daraufhin ihre Wegrichtung oder sogar ihr Leben.

Dass es in unserem Text um eine solche Erfahrung geht, das ist schon für den bibelkundigen Leser dadurch angedeutet, dass das Ganze auf einem - wie es heißt - „hohen Berg“ stattfindet. Auf dem Berg ist man der Alltagswelt enthoben, man ist in besonderer Weise Gott nahe; die reine Luft und die Schönheit der Natur bringen das Herz in Schwingung für eine intensive Begegnung mit dem Schöpfer.

Petrus, Jakobus und Johannes machen auf dem Berg eine Gotteserfahrung. Was sie erleben, das lässt sich wahrscheinlich physikalisch nicht nachweisen, doch ist es für sie eine ganz tiefe Wirklichkeit. „Wirk“-lichkeit deshalb, weil es „wirk“-sam wird in ihnen, weil es eine ganz tiefe Wirkung entfaltet. Diese Erfahrung verwandelt sie, sie gibt ihnen neuen Mut, mit Jesus zu gehen, denn sie haben das göttliche Leben in ihm entdeckt. Sie begreifen, dass dieser Jesus mit seiner Botschaft in lebendiger Beziehung zum AT und seinen großen Gestalten steht. Dieser Jesus ist nicht nur bloß ein guter Mensch, es ist etwas Göttliches in ihm, in seinem Reden und in seinem Tun. Diese Erfahrung ist letztlich auch die Vorbereitung auf das, was ihnen Jesus kurz zuvor angekündigt hat, nämlich dass er vieles erleiden müsse, dass er sogar getötet, nach drei Tagen aber auferstehen werde.

Ist diese Geschichte der Verklärung also wahr? Sie ist wahr! - Nicht im Sinne eines naturwissenschaftliches Gesetzes; ein solches könnte uns auch schwerlich in unserer persönlichen Lebenssituation helfen. Sie ist vielmehr wahr in einem tieferen Sinne, sie ist Wirklichkeit, weil sie wirkt auf Petrus, Jakobus und Johannes, weil sie wirkt aber auch auf alle, die für solche innere Erfahrung offen sind. Eine solche Gebetserfahrung, wie sie Petrus, Jakobus und Johannes gemacht haben, ist Gnade und Geschenk. Gott aber ist bereit, sie allen Menschen zu schenken, die in sich hineinschauen, die im Gebet der inneren Erfahrung Raum geben und ihre Beziehung zu Gott pflegen.

Wir dürfen diese Erfahrung der drei Apostel als Ansporn für unser inneres Leben nehmen. Wir dürfen auch ruhig den Mut haben, Gott um solche inneren Erfahrungen zu bitten, damit wir innere Tröstung finden, neuen Mut und neue Kraft, so dass wir in den Aufgaben und in den Anfechtungen unseres Lebens nicht von Jesus Christus weichen.

 

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15. August - Aufnahme Mariens in den Himmel (Himmelfahrt Mariä)

Lk 1,39-56: Der Besuch Marias bei Elisabet

Wer sich auf Gott einlässt, kann nur gewinnen

Maria, die Mutter Jesu, ist in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen, und zwar mit Leib und Seele. Das besagt das 1955 von Papst Pius XII. ausgesprochene Dogma, welches der Grund für den heutigen Festtag ist.

Unser ‚gesunder Menschenverstand’

Wir haben es in unserer modernen Welt verlernt, hinter die Dinge zu schauen. Immer mehr haben wir uns von der Wissenschaft dazu anleiten lassen, nur mehr das gelten zu lassen, was zu sehen, was zu greifen und zu berühren ist. Alles, was darüber hinausgeht, hat es deshalb schwer, weil es - als nicht nachprüfbar - unwirklich erscheint, als subjektiv oder gar eingebildet.

Als Albert Einstein einmal einen schwierigen Vortrag über die Relativität von Raum und Zeit hielt, sagte einer der Zuhörer zu ihm: „Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann.“ Einstein lächelte und antwortete: „Dann kommen Sie doch bitte einmal nach vorne und legen Sie ihren ‚gesunden Menschenverstand’ hier auf den Tisch.“

Was wir heute feiern, muss für unseren sinnlich-wissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit als in hohem Maße verdächtig gelten. Es gibt für die Aufnahme Mariens in den Himmel keine Beweise, nicht einmal einen Hinweis in der Heiligen Schrift. Wie können Menschen aber darüber eine Erklärung abgeben, worüber sie wissen, dass sie nichts wissen können?

Die Antwort ist sicher nur für den Gläubigen eine Hilfe. Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist die logische Konsequenz aus dem 1854 von Papst Pius IX. erlassenen Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens. Dieses besagt: Maria ist vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis im Leib ihrer Mutter (Anna) an von der menschlichen Sündenverhaftetheit (Erbsünde) befreit gewesen.

Der Tod ist die Konsequenz der Sünde

Wie hätte Maria also, wo sie doch von der Schuld des Adam und der Eva unbelastet war, im Grab bleiben können? „Der Lohn der Sünde ist der Tod“, so sagt Paulus im Römerbrief (Röm 6,23). War Maria aber ohne Sünde, weil Gott es in seinem Ratschluss so gefügt hatte, dann brauchte sie auch die Konsequenz der Sünde nicht zu erleiden, nämlich den Tod. Ihr Lohn war vielmehr das Leben, die Fülle des Lebens in Gott, zu dem sie mit Leib und Seele aufgenommen wurde. Es heißt dann auch in der Fortsetzung der Paulusstelle: „…die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“

Das Dogma von der Aufnahme Mariens ist jedoch nicht einfach definiert worden, weil es logisch sinnvoll war, sondern es stützt sich auf das, was Generationen von Menschen über Jahrhunderte hin geglaubt und woraus sie Kraft geschöpft haben. Bevor der Glaubenssatz offiziell definiert wurde, war er schon lange innerste Glaubensüberzeugung von unzähligen Christen.

Wir werden diesem Glaubenssatz nicht gerecht, wenn wir nur danach fragen: Kann man das heute überhaupt noch glauben? Es ist mit dieser Wahrheit genau wie mit den Wahrheiten, die in der Hl. Schrift an uns herantreten: Sie offenbaren ihre Echtheit und Kraft nur dem, der sich auf sie einlässt, der sie in sein Herz und in sein Leben hinein nimmt. Es braucht von unserer Seite einen Vorschuss an gläubigem Vertrauen, den Mut, sich darauf einmal einzulassen. Nur dann können sie sich uns nach und nach in ihrer vollen Schönheit offenbaren.

Kann ich über mein Verstehen hinaus vertrauen?

Und damit sind wir genau bei dem, was Maria, die Mutter unseres Herrn, so sehr auszeichnet. Sie hat bei der Verheißung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel Vieles nicht verstanden, und doch hat sie sich nach kurzem Überlegen auf das Wagnis eingelassen, Gott in ihr Leben einzulassen. Sie und wir hätten nie erfahren, welches Geschenk Gott uns zu machen bereit war, hätte sie auf die Anfrage Gottes geantwortet: „Nein, das ist mir zu unbegreiflich, ich halte mich lieber an Josef, mit dem ich verlobt bin und will mit ihm eine gute Familie gründen.“

Maria hat jedoch geantwortet: „Ich verstehe und begreife nicht, was du mit mir vorhast, guter Gott, aber weil ich dich kenne als den Gott, der für unser Volk und auch für mich das Beste will, so will ich es wagen, Ja zu sagen, selbst wenn ich die Konsequenzen nicht überschauen kann. Über mein eigenes Erkennen und Verstehen hinaus, vertraue ich mich dir an.“

Genau das ist Glaube. Glauben meint nicht zuerst, festhalten und sich festhalten an Glaubenssätzen. Glauben meint, loslassen, sich auf Gott hin loslassen, in dem Vertrauen, dass er mit mir ist und es unbedingt gut mit mir und den Menschen meint, auch wenn ich Vieles nicht verstehe.

Vielleicht können wir von dieser Perspektive her schon ein bisschen besser verstehen, warum Maria dafür bereit war, in ihrer Leib- und Geistgestalt in den Himmel aufgenommen zu werden. Sie hat es in ihrem Leben gelernt, sich über menschliche Zweifel und Grenzen hinweg Gott ganz anzuvertrauen. Deshalb dürfen wir auch sagen: Durch Gottes Wirken wurde ihr der Weg eröffnet, sich über die letzte menschliche Grenze, den Tod, hinweg in die Arme Gottes zu werfen, der ihr damit schon das Leben in himmlischer Herrlichkeit schenken konnte.

 

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14. September - Kreuzerhöhung

Joh 3,13-17: Das Gespräch mit Nikodemus / Das Ziel der Sendung Jesu

Eine Legende besagt, dass Kaiserin Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, am 14. September 320 das Kreuz Christi in Jerusalem aufgefunden hat. 15 Jahre darauf wurde auf dem Jerusalemer Golgothahügel die konstantinische Doppelbasilika fertig gestellt, in der die Kreuzreliquie aufbewahrt werden sollte. Sie wurde am 13. September eingeweiht. Einen Tag darauf, also am Tag der Kreuzauffindung, hielt der Bischof von Jerusalem die große Kreuzreliquie hoch und zeigte sie dem Volk zur Verehrung. Daher kommt der Name unseres Festes: Das Kreuz wird erhöht, damit die Gläubigen es verehren können.

614 wurde dieses Kreuz allerdings von den Persern geraubt, 14 Jahre später aber von Kaiser Heraklius zurückerobert und im Triumphzug nach Jerusalem zurückgebracht. 1187 ging die Kreuzreliquie jedoch endgültig verloren, als sie im 2. Kreuzzug in Palästina als Feldzeichen mitgeführt worden war.

Bis heute sind aber viele Splitterreliquien dieses Kreuzes an verschiedenen Orten erhalten, so u. a. in Maria Laach, St. Matthias in Trier und in Köln.

Für uns ist dieses Fest heute Anlass über diese wunderbare Verwandlung nachzudenken: Aus einem Marter- und Hinrichtungswerkzeug wird ein Symbol für den christlichen Glauben, weil Jesus Christus uns aus Leid und Tod heraus eine neue Perspektive eröffnet hat. Dadurch, dass er unsere Schuld ans Kreuz getragen hat, können wir Hoffnung schöpfen auf ein neues Leben, auf das Reich Gottes unter uns.

Meditation

In der Erfahrung von Leid und Unglück quillt aus den Tiefen des Menschen das WARUM.

Es ist das Warum der Menschheitsgeschichte.

Es hat sich verdichtet im Schrei der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz.

Seitdem hat unser Warum einen Ort, seitdem geht es nicht ins Leere,

seitdem wird es vor Gottes Antlitz getragen. Das Warum wird nie enden.

Manches Warum bleibt ohne Antwort.

Gott kennt seinen Sinn. Gott ist in unserem Schrei. Gott kommt unaufhörlich, wenn wir an der Grenze sind. Wir verstehen noch nicht, spüren nur die Grenze. Aber er ist die Kraft von der anderen Seite.

(vgl. Magnificat)

 

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Oktober - Erntedank

Wer nicht danken kann, der kann auch nicht glücklich werden.

Wer nicht danken kann, in dem füllen bald ganz unbemerkt Neid, Missgunst, Habgier und Unzufriedenheit das Leben aus. Und mit solchen Regungen in der Brust bekommt selbst das freudigste Ereignis einen bitteren Nachgeschmack. Dann fühlt man sich selbst im Wohlstand nicht wohl.

Es ist ein Grundleiden vieler Menschen; sie können über nichts mehr staunen und sie wissen nicht wem und wofür sie danken sollten, außer sich selbst; sie verdanken alles sich selbst. Sie können es sich leisten, aufgrund ihrer eigenen Anstrengung und Arbeit ein angenehmes Leben zu führen. Ansprüche und Forderungen werden gestellt, die jedes Maß verlieren. Nur noch das Negative wird bemerkt, und das Gute wird aus der Welt herausgeredet.

Wer aber danken kann, der weiß sich beschenkt; wer sich beschenkt weiß, der weiß sich geliebt, und wer sich geliebt weiß, wie sollte der nicht glücklich sein.

Wir haben im Evangelium von einem reichen Mann gehört, der es sich sein Lebtag lang hat gut gehn lassen: Beste Kleider, beste Speisen, Feiern und Feten; er hat für sich alles aus dem Leben herausgeholt, „… denn schließlich lebt man ja nur einmal“ – so sagen manche.

Und dann war da ein armer Mann, namens Lazarus, der uns an Hungersnotopfer in Äthiopien erinnern könnte. Ein Gegensatz, wie er krasser nicht sein kann. Und wir haben gehört, wie es mit den beiden ausging nach dem Tod; denn sterben müssen wir alle einmal.

Wenn auch vom Leben der beiden sehr wenig berichtet wird, so können wir doch mit Sicherheit sagen, dass der reiche Lebegern ganz sicher nicht danken konnte. Was er erwarb und besaß, das hatte er ganz einfach seinen Fähigkeiten und seiner Arbeit zugeschrieben. Also darf auch kein anderer da heran; es ist sein Besitz. Und so war er völlig blind dafür, dass vor seiner Tür ein Mensch saß, der vor Hunger fast umkam, und dem er hätte helfen können, ohne dass es ihm wehgetan hätte. Selbst das von den Festtafeln Heruntergefallene hätte Lazarus schon helfen können.

Jesus will uns wachrütteln, damit wir nicht so leben wie der Reiche in der Geschichte. Und auch dieses heutige Fest des Erntedank, will uns bewusst machen, dass alles was wir sind und haben letztlich von Gott kommt, und dass es gut ist, ihm dafür zu danken.

In meinem Missionseinsatz im Kongo (Afrika) habe ich festgestellt, dass die Kongolesen nie vergessen Gott zu danken für das, was sie erhalten. Im Morgengebet dankt der Kongolese zuallererst Gott einmal dafür, dass er ihn in der Nacht beschützt hat und dass er ihm Atem gibt für einen neuen Tag. – Manchmal habe ich auch Formulierungen gehört wie: andere Menschen sind heute nacht gestorben, ich aber lebe noch, ich danke dir dafür; andere Menschen sind krank, ich aber bin gesund, ich danke dir dafür. – Das Leben allein ist schon Grund genug, Gott danke zu sagen.

Ich denke, uns ist da mit unserer Zivilisation und mit unserem technologischen Fortschritt etwas abhanden gekommen.

Wer zu danken weiß, der nimmt sich nicht selbst als Mittelpunkt der Welt. Wer zu danken weiß, der drückt aus, dass ihm der andere wichtig ist, und dass er den anderen braucht.

Wer Gott zu danken weiß, der erkennt, dass alles, was er hat und besitzt, Gabe ist; und weil es Gabe ist und Geschenk, ist er nicht darauf aus, es mit Waffen zu verteidigen als seinen Besitz, sondern er ist bereit, mit anderen zu teilen, die vielleicht dringender benötigen, was er hat.

Hätte der Reiche gelernt zu danken für alles, was er hatte, so wäre es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, dass da draußen an der Tür auch ein Mensch sitzt, der genauso geliebt wird von Gott wie er; und er hätte angefangen, ihm zu essen zu geben, seine Wunden zu verbinden und er hätte ihm vielleicht Arbeit gegeben und Lohn auf seinen Gütern.

Wir haben allen Grund, Gott zu danken.

Beim Bäcker ist das Brot noch nie ausgegangen, noch beim Metzger das Fleisch. Am Gemüsestand haben die Kartoffel nicht gefehlt, noch beim Obsthändler die Früchte.

In der Stadt können wir kaufen, was das Herz begehrt: exotische Früchte aus Afrika, Rotwein aus Frankreich, Fisch aus dem Atlantik, Gewürze aus Indien, Kaviar aus Russland, Kaffee aus Kolumbien, Reis aus Vietnam usw. Und auch im eigenen Garten wächst und gedeiht vielerlei.

Wahrlich, wir haben allen Grund Danke zu sagen. Gott ist es, der wachsen lässt, gedeihen, blühen und wachsen. Das ist wunderbar, und das ist das Leben, und das kommt von Gott. Es ist ein Bild für den Reichtum, die Großzügigkeit und die Liebe, die Gott den Menschen erweist.

Lernen wir wieder, all das was uns ernährt, kleidet und behaust als Geschenk anzunehmen. Und lernen wir dann auch, weil alles Gabe und Geschenk ist, mit anderen großherzig zu teilen, so großherzig, wie Gott uns davon gibt.

Denn es macht oft mehr Freude, einem Menschen wirklich helfen zu können, als in immer größerem Wohlstand zu schwelgen.

 

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1. November - Allerheiligen

Mt 5,1-12: Die Bergpredigt: Die Rede von der wahren Gerechtigkeit

Waren Sie schon einmal mitten drin in so einer richtigen Menschenansammlung? Leute um sie herum, so weit das Auge reicht. Vielleicht bei einer Großveranstaltung, im gefüllten Stadion oder bei einem Open-Air-Konzert.

Stellen wir uns einmal eine solche Menschenmenge vor. Und wenn wir uns umschauen, sehen wir Menschen mit dunkler Haut, andere mit Schlitzaugen. Es sind schwarzhaarige, blonde und rothaarige Menschen darunter. Wir hören Leute in russisch, englisch, spanisch und hindi reden.

Ja, so ein buntes Völkergemisch hat Johannes in seiner Vision gesehen. Und diese unzählbare Menge von Menschen, das sind die in Jesus Christus Erlösten, die auf ewig mit Gott leben werden.

Das ist ein wunderbares Bild für das Fest, das wir heute feiern. Wir gedenken aller Heiligen, das heißt, aller Menschen, aus welchem Land, aus welchem Kulturkreis, ja aus welcher Religion sie auch stammen mögen, Menschen aus der ganzen Welt, die in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen sind.

Im Grunde ist ja Gott allein der Heilige. Wenn wir aber von Menschen sagen, dass sie heilig sind, dann bedeutet das nichts anderes, als dass sie in ihrem Leben diesem Gott Raum geschaffen haben, so dass durch sie etwas von der sich verschenkenden Güte Gottes erfahrbar wurde. Obwohl sie menschlich begrenzt und schwach waren, mit gewissen Fehlern behaftet, genauso wie wir, so haben sie doch schon hier auf Erden verstanden, eine lebendige Verbindung zu Gott zu pflegen und ihr Leben aus seinen Händen zu empfangen. Ihr Leben hat unsere Welt mit einem – vielleicht kleinen aber doch wärmenden – Licht beschenkt.

Lesen wir dazu im 2 Kor 4, 5-7: 5 Wir verkündigen ... nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. 6 Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. 7 Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.

Heilig sein, das heißt, im besonderen Maße transparent sein für Gott. Wer Vergebung schenkt, auch wenn sie nicht verdient ist, wer liebt, auch wenn äußerlich nichts Liebenswertes zu sehen ist, der öffnet dem Wirken Gottes in dieser Welt ein Tor. Auch wir sind eingeladen, uns in unserem Leben immer mehr für Gott und sein Heil zu öffnen, uns immer mutiger am Aufbau seines Reiches zu beteiligen, damit in unserem Leben etwas aufleuchtet, ein Glanz, der über unser armseliges und vergängliches Leben hier auf Erden hinausstrahlt und bestehen bleibt. Wir sind zur Heiligkeit berufen! Das Ziel ist, dass wir die Liebe Gottes in unserem Leben so aufsaugen, dass sie beginnt durchzuscheinen durch alles, was wir reden oder tun.

Papst Joh. Paul II. hat unter anderem ein italienisches Ehepaar selig gesprochen und davor auch viele andere Menschen, die eigentlich nichts Spektakuläres in ihrem Leben getan haben; sie sind nicht ausgezogen, um fremde Länder zu missionieren, sie haben keine Leprakranken gepflegt oder ihr Leben in einer Christenverfolgung gelassen. Aber sie haben ihr alltägliches Leben so aus dem Glauben heraus gelebt, dass selbst Kartoffelschälen, Kinder-Großziehen und Arbeitengehen einen Glanz der göttlichen Liebe und Unendlichkeit erhalten haben.

Im Deutschen hat das Wort ‚heilig’ auch mit Heil zu tun. Heil, im Sinne von ganz, versöhnt mit sich und den anderen, gesammelt, echt. Gott will, dass wir alle aus der Widersprüchlichkeit unseres Lebens erlöst werden und bei ihm wohnen in einem glückerfüllten Dasein, wo es keine Halbheiten und Zweifel mehr gibt. Dann werden auch wir bekennen können, wie die Menschmenge es in der Vision des Johannes getan hat: „Ja, die Rettung kommt von unserem Gott. Gott ist wirklich der Retter.“

Ja, ich sage es noch einmal: Auch wir sind eingeladen, Heilige zu werden, dort, wo Gott uns hingestellt hat: In Familie, Beruf, Schule, Krankenhaus oder wo auch immer. Die treibende Kraft auf dem Weg zur Heiligkeit ist der Heilige Geist, der ja schon in uns wohnt; wir können ihn auch heiligmachender Geist nennen. Wenden wir uns in unserem Beten verstärkt an den Heiligen Geist, vertrauen wir uns seiner Führung an, damit er uns lenke, damit er uns vor falschen Wegen behüte und uns antreibe, uns einzusetzen für eine menschenwürdigere Welt. Wenden wir uns auch an unsere unzähligen Vorgänger, die den Kampf hier auf Erden in vorbildhafter Weise bestanden haben, dass sie bei Gott für uns eintreten, damit wir unseren Weg gehen, so wie es Gott gefällt.

 

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