Äußere Vorbereitungen

1.   Die Gruppe

Für die meisten Methoden sollte die Gruppe aus 4 bis maximal 10 Personen bestehen, die in Vertrauen, Offenheit und Ehrfurcht gemeinsam auf das Wort Gottes hören und ihm antworten wollen.

2.   Die Atmosphäre

Für das Bibelgespräch ist eine ungestörte und gesammelte Atmosphäre nötig. Suchen Sie einen Raum aus, wo Sie nicht gestört werden. Bereiten Sie die Gruppe auf eine Zeit von einer bis anderthalb Stunde vor (je nach Größe und Mitteilungsfreudigkeit der Gruppe). Am besten setzen sich die Teilnehmer in einen Kreis, so dass jeder den oder die andere hören und sehen kann. Es ist förderlich, eine Kerze in die Mitte zu stellen, die an die Gegenwart Gottes erinnert.

3.   Der Leiter

Der Leiter des Bibelgesprächs muss nicht unbedingt Experte in Sachen Bibel sein, denn seine Aufgabe ist es nicht, Sachkenntnisse zu vermitteln. Vielmehr soll er die Gruppe in der Meditation leiten, indem er die einzelnen Schritte der Methode ankündigt.

4.   Wahl des Bibelabschnitts

Viele Bibelgesprächsgruppen haben es sich zur Gewohnheit gemacht, den Text des Evangeliums oder einer Lesung des kommenden Sonntags zur Grundlage zu nehmen. Genauso gut kann man aber auch Abschnitt für Abschnitt ein bestimmtes Evangelium oder ein anderes Buch durchgehen. Das Johannesevangelium ist weniger geeignet für den Einstieg, da es wegen seines theologischen Gehalts oft nicht unmittelbar zugänglich ist.
Zu empfehlen sind neben den Evangelien und der Apostelgeschichte die Briefe des Neuen Testaments, die Bücher Genesis und Exodus, die Propheten, sowie die Weisheitsliteratur. Im Allgemeinen: Keine Angst vorm Alten Testament.
Die Auswahl sollte aber möglichst nach einer objektiv vorgegebenen Leseordnung erfolgen, um einer selektiven Wahrnehmung nur der eigenen Lieblingstexte und -ideen zu entgehen. Das Wort der Heiligen Schrift soll unsere eigenen Gedanken ja nicht nur bestätigen, sondern stets auch korrigieren! Es ist oft heilsam, wenn Texte der Bibel unseren eigenen Gedanken zuwiderlaufen. Solchen Widerstand haben wir nötig.
Es ist einfacher, wenn alle Teilnehmer dieselbe Übersetzung haben; verschiedene Übersetzungen können aber manchmal auch den Austausch bereichern.

Regeln für das Bibelgespräch

1.   Gleichheit beachten

Vor dem Wort Gottes gibt es weder Gelehrte noch Ungebildete. Keiner soll sich über die anderen erheben, keiner geringer fühlen. Es kommt nicht darauf an, vor den anderen möglichst klug zu erscheinen, sondern echt zu sein von seinem Herzen her.
Vor allem der Leiter achte darauf, nicht autoritär sondern dienend seine Aufgabe auszuüben.

2.   Diskretion

Ganz wichtig ist, dass im Bibelgespräch Ausgetauschtes nicht nach außen getragen wird. Das ist eine Konvention, an die sich alle halten müssen, sonst kann das Vertrauen, und damit auch die Möglichkeit eines guten Gesprächs in der Gruppe auf lange Zeit oder gar für immer gestört werden.

3.   Offenheit und Wahrhaftigkeit

In der Gruppe wird mit der Zeit eine Atmosphäre des Vertrauens wachsen, die es einem jeden ermöglicht, ohne Furcht zu äußern, was das Herz eingibt. Vielleicht gibt man manchmal sogar mehr von sich preis, als man eigentlich wollte; das ist aber gut so, das zeugt vom Vertrauen in der Gruppe.
Jeder soll darauf achten, nicht aus Sensationslust oder um Bewunderung zu erheischen, Dinge zu übertreiben oder gar zu erfinden.

4.   Freiheit, sich zu äußern

Keiner soll gezwungen werden, sich mitzuteilen. Doch sollte auch kein ewiger Schweiger unter den Teilnehmern sein, das kann die anderen misstrauisch machen. Hier ist der Leiter gefordert, die Teilnehmer geduldig auf eine vollständige Teilnahme hin zu ermutigen.
Manche Gruppen halten bei den Interventionen eine Reihenfolge ein; derjenige, der an der Reihe ist, sich aber nicht äußern möchte, gibt mit einer Handbewegung das Wort weiter.

5.   Zuhören

Ganz wichtig ist, dass die Teilnehmer dem Sich-Mitteilenden zuhören. Zum Gespräch gehört das Zuhören, genauso wie das Sprechen.
Es ist übrigens interessant, in der 7-Schritte-Methode anstelle der Vorsatzfindung (6. Schritt) eine zweite Austauschrunde vorzunehmen, in der jetzt jeder mitteilen kann, was ihn im Zeugnis eines anderen angesprochen hat.

6.   Es kommt auf jeden und jede an

Das Wort Gottes ist reich und tief, es kann nicht von einem Einzelnen ausgeschöpft und ausgelotet werden. Aber jede und jeder Einzelne kann ihren und seinen Teil dazu beitragen. Die Teilnehmer sind gemeinsam Hörer des Wortes und ergänzen sich gegenseitig in ihren Einsichten. Jeder Teilnehmer soll das Gefühl bekommen, dass sein Beitrag wichtig ist und gerne von den anderen gehört wird.

7.   Von seiner Person sprechen

Es geht im Bibelgespräch ganz entscheidend um das persönliche Zeugnis. Deshalb muss unbedingt vermieden werden, im Allgemeinen zu sprechen. „man“, „die Leute“, „die anderen“ sind Worte, die unbedingt vermieden werden müssen, und der Leiter kann mit Behutsamkeit während des Gesprächs einladen, von „ich“ zu sprechen.
Dies fällt vielen Menschen nicht leicht; aber es macht auf das Problem aufmerksam, dass wir uns zu sehr bepredigen lassen und oft unfähig sind, uns den Glauben persönlich anzueignen.

8.   Zeugnis geben, nicht predigen

Sehr leicht kommen Teilnehmer dazu, zu predigen und zu moralisieren, weil es einfacher ist, als sich selbst dem Wort Gottes auszusetzen. Auch hier muss der Leiter behutsam eingreifen und dazu ermutigen, das Wort Gottes als ganz persönliches Wort für das persönliche Leben zu begreifen. Es geht um jeden Einzelnen der Gruppe, nicht um irgendwelche Leute da draußen.

9.   Nicht diskutieren, kritisieren, in Frage stellen

Streng vermieden werden muss das Diskutieren über irgendwelche Glaubensinhalte oder gar das Kritisieren der Äußerung eines Teilnehmers. Dadurch könnte das Vertrauensklima empfindlich gestört werden. Jeder hat zuerst einmal das Recht, das zu sagen, was ihn im Hinblick auf das vorgelesene Wort anspricht. Im Bibelgespräch geht es um grundlegend anderes, als um eine theologische Diskussion über ein Thema. Nicht wir sind es, die das Wort führen und einander zu widerlegen suchen, sondern Gott führt das Wort. In der geteilten Perikope ergreift Er das Wort und spricht zu uns. Wir sind aufgerufen, dieses Wort in uns Echo finden zu lassen und eine Antwort zu geben. Wortführer ist Gott, und vergeblich ist es, mit ihm zu streiten. (vgl. Ijob 40,6-42,6)
Es ist sinnvoll, darauf vor dem Gesprächsbeginn deutlich hinzuweisen.

10. Keine Lebensromane erzählen

Es gibt Menschen, die in solchen Gesprächen anfangen, ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen, oder die jedes Mal mit ein und derselben Leier kommen und über ihr Leid klagen. Natürlich gilt auch hier wie in jeder christlichen Gemeinschaft: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2), doch müssen dem auch Grenzen gesetzt werden. Der Leiter wird nach dem Gespräch behutsam mit der betreffenden Person sprechen.

Chancen und Ziele

 1.  Spiritueller Zugang zur Bibel

In der Vergangenheit wurde die Bibel häufiger als Beweis von Aussagen verwendet als dafür, das Leben zu ändern. Es gab mehr Analyse als Zuhören, mehr Argumentieren als Mitteilung zwischen Personen. Glaube, Liturgie und Bibelauslegung werden infolgedessen als oft zu kopflastig empfunden, zu wenig spirituell.
Das 2. Vatikanische Konzil hat den Begriff Offenbarung neu gedeutet: Von der Wahrheit ist sie zum Tun geworden (DV1-2). Das Bibelgespräch ist aber nun eine Art des Umgangs mit der Bibel, die mit dem eigenen Leben zu tun hat. Dies kommt dem großen Bedürfnis nach geistlicher Erfahrung und Vertiefung vieler Menschen entgegen. Durch das Bibel-Teilen sind viele neu auf die Botschaft der Bibel aufmerksam geworden. Es ermutigt Gruppen zum gemeinsamen Bibellesen, kann auch die persönliche Auseinandersetzung mit der Botschaft der Bibel fördern.

 2.  Bibel-Teilen-Gruppe als Ferment der Gemeinde

Werden die Bibelgesprächsgruppen gut geleitet und wird von der Gemeindeleitung her für eine gute Begleitung gesorgt, so wirken solche Gruppen sehr aufbauend und konstruktiv für das Wirken und die Verlebendigung der Gemeinde. Das Wort Gottes ist eben eine Kraft, die die Menschen, die es in sich aufnehmen und bewahren, in Bewegung setzt und zum Engagement antreibt.

3.   Geistliche Auffrischung für "Ausgebrannte"

Vor allem auch die Personen, die verantwortungsvolle Aufgaben übernommen haben, brauchen geistliche Auffrischung und Nahrung. Die Bibelgesprächsgruppe ist eingeladen, missionarisch in andere Gruppen der Gemeinde hineinzuwirken, um ihnen das Bibel-Teilen schmackhaft zu machen.
Eine Pfarrgemeinderatssitzung zum Beispiel, die mit einem Bibelgespräch in Kurzform begonnen wird, verläuft mit Sicherheit anders, als wenn gleich zur Tagesordnung übergegangen wird. Und die "verlorene" Zeit erweist sich häufig als hilfreich für die Diskussionen, die reibungsloser ablaufen.

4.   Bibelgespräch ist Ereignis christlicher Gemeinschaft

Bibelgespräch ist viel mehr als nur eine Meditation mit der Bibel. Haltungen, die für christliches Zusammenleben und -arbeiten von größter Wichtigkeit sind, werden eingeübt:

1. Respekt vor den anderen, Demut

Nicht nur ich, sondern der oder die andere – und vielleicht sogar noch mehr als ich – macht Erfahrungen des Glaubens.

2. Zuhören können

Entdecken, dass ich nicht alleine bin vor Gott; dass es wirklich Unser Vater ist. Ich habe Schwestern und Brüder in Christus, die auf demselben Weg sind.

3. Gegenseitige Ermutigung

Zu hören, dass andere die gleichen Schwierigkeiten und Prüfungen durchmachen wie ich, das ermutigt. Meine mitgeteilte Erfahrung kann ein Trost sein für andere und vielleicht sogar einmal ein Rettungsring.

4. Mut haben, umzukehren

Das Beispiel anderer und die Vorsatzfindung spornt mich an, Ernst zu machen mit dem christlichen Engagement in meinem Leben.

5. Das Wort Gottes ernst nehmen

Zu leicht lesen wir über unliebsame Stellen der Schrift hinweg, oder legen sie ganz beiseite. In Gemeinschaft kann man nicht so einfach vor dem Anspruch Gottes flüchten, auch wenn er mich kritisch berührt.

6. Das Wort Gottes ergeht an mich

Ich spüre, dass das Wort Gottes kein altes, längst verhalltes Echo ist, sondern dass Gott heute durch dieses Wort mich in meiner Lebenssituation anspricht.

7. Das Wort Gottes und meine Antwort

Gott spricht mich in der Bibel persönlich an, und er lädt mich ein, Antwort zu geben, aus dem Herzen, aus meinem Leben, aus meinem Handeln heraus.

8. Im Glauben wachsen

Im Laufe der Zeit und durch die Kontrolle, wie ich meine jeweiligen Vorsätze verwirklicht habe, stelle ich ein Wachstum in meinem spirituellen Leben fest.

Stolpersteine

1.   So oft denselben Text lesen ?

Zu vielen Methoden gehört das dreimalige Lesen desselben Bibelabschnitts. Die Vorteile dieses lauten Zu-Gehör-Bringens des Textes sind nicht zu unterschätzen. Keinesfalls sollte man das Lesen auf ein- oder zweimal beschränken, um etwa Zeit zu sparen. Durch das mehrmalige Hören prägt sich der Text besser ein, und in der Abwechslung mit dem Mitteilen der Teilnehmer vertieft sich sein Verständnis; beim erneuten Hören schwingt noch einmal mit, was andere zum Text gesagt haben.
Jeder ist eingeladen, in der Bibel das persönliche Wort zu entdecken, das Gott im Augenblick an ihn richten will. Dazu muss man dem Wort Gottes erst Raum und Zeit schaffen, damit es beim Einzelnen ankommt. Schließlich kommt der Glaube kommt vom Hören.

2.   In der Zeit der Stille werden die Teilnehmer unruhig

Wichtiger Bestandteil vieler Methoden sind auch Minuten des Schweigens und der Stille. Es ist dies keineswegs eine Zeit des passiven Wartens, bis es mit dem Mitteilen weitergeht. Vielmehr sollten es Augenblicke größter und persönlicher Aktivität sein. Es geht darum, sich ohne Vorbehalte und Schutzzone dem Anspruch des gehörten Wortes Gottes zu stellen; Gott an sich heran zu lassen. Wenn die Bibelmeditation nicht aus dem Schweigen und der persönlichen Begegnung mit dem Wort in der Stille kommt, wird sie leicht zum Geschwätz.
Erfahrungsgemäß tun sich Gruppen anfangs schwer mit dem Schweigen, ist es doch eine unserer heutigen Zeit weitgehend abhanden gekommene Übung. Die Zeit sollte fürs Erste nicht zu lange gewählt und vor allem auch angekündigt werden, so dass die Teilnehmer sich einrichten können. Allmählich kann dann die Dauer verlängert werden.

3.   Unterschiedlicher Bildungsgrad

Falls theologisch gebildete und studierte Personen am Bibelgespräch teilnehmen, ist es ganz wichtig, dass sie sich zurücknehmen und die Gruppe nicht mit ihrem Vorauswissen überfahren. Es geht im Bibelgespräch ja nicht um Wissensvermittlung, sondern um den Erfahrungsaustausch Glaubender. So gesehen kann es keine höher- oder tieferstehenden Personen geben, denn vor dem Wort Gottes sind alle Menschen gleich.

4    Gottes Stimme nicht mit der eigenen verwechseln

Es muss vermieden werden, dass es in der Gruppe zu einer "überhitzten religiösen Temperatur" kommt, so dass die eigene subjektive Meinung mit der Stimme des Herrn verwechselt wird. Die Gegenwart Gottes, die denen zugesagt ist, die sich in seinem Namen versammeln, bleibt doch unverfügbar. Gott lässt sich nicht vom Menschen in magischer Weise manipulieren. Es bedarf daher eines gewissen selbstkritischen Abstands der Teilnehmer, vor allem aber des Leiters.

5.   Vorsicht vor den eigenen Lieblingsideen

Manche Gruppen schmoren nach einer gewissen Zeit "im eigenen Saft". Sie drehen sich im Kreis und kommen nicht mehr weiter, denn sie produzieren immer wieder nur die eigenen Lieblingsideen. Da weiß man schon von vornherein, was Herr Müller und Frau Schmidt sagen werden, ganz gleich, welcher Bibeltext gerade dran ist.
Hier hilft es, die Vorsätze, die häufig während eines Bibelgesprächs gefasst werden, in regelmäßigen Abständen auszuwerten. Statt einen neuen Vorsatz zu fassen, wird dann eine Runde des Austauschs darüber gehalten: "Wie habe ich meinen letzten Vorsatz verwirklicht? Was half mir dabei? Was hinderte mich daran?".
Auch kann einmal außerhalb des Bibelgesprächrahmens geprüft werden, ob gewisse Probleme die Weiterentwicklung behindern und ob diese in Gemeinschaftsarbeit zu lösen sind.

6.   Gefahr der Abkapselung

Wie bei vielen Gruppen besteht auch manchmal bei Bibel-Teilen-Gruppen die Gefahr, dass sie sich aus dem normalen Gemeindeleben sozusagen in eine exklusive Kuschelecke zurückziehen und dem öffentlichen Geschehen den Rücken kehren.

Begleitung der Bibel-Teilen-Gruppe

Wie im Vorausgehenden gesagt, ist es nicht nötig, dass der Leiter der Gruppe theologisch oder exegetisch besonders ausgebildet ist. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass die Hauptamtlichen der Gemeinde für eine gründliche Einführung in die Methode des Bibel-Teilens und eine solide Begleitung der Gruppe sorgen. Diese Begleitung kann z. B. von interessierten Religionslehrern oder theologisch ausgebildeten Laien geleistet werden.
Neben der spirituellen Vertiefung ist die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der heutigen Bibelwissenschaft unverzichtbar. Zwar ist das oft nicht innerhalb der Methode selber möglich, aber es könnte in eigenen Treffen stattfinden, indem man z. B. ab und zu einen Fachmann /-frau einlädt, um aufgekommene Fragen zu erörtern. Ideal wäre es, mehrmals im Jahr einen informierenden Abend einzuschieben, so dass man sich im Lauf der Jahre systematisch in die Bücher der Bibel einarbeitet.

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